Das Vermächtnis der Antje Vollmer

Das Vermächtnis der Antje Vollmer

25. März 2023 0 Von Thomas Ertl

Ach Antje …

Die Grünen-Ikone Antje Vollmer ist vor kurzer Zeit verstorben. Im Angesicht ihres nahenden Todes hat sie noch ein Vermächtnis zur gegenwärtigen globalen Konfliktlage, im Besonderen zum Russland-Ukraine-Krieg, verfasst. Während viele ihr Nahestehende mit R.I.P. reagieren, ist es aber nicht Sinn von Vermächtnissen ignoriert zu werden. Und das Vermächtnis hat es in sich. Am Ende des Textes ist ein Kommentar aus einem Evangelischen Blog wiedergegeben, der sich mit dem folgenden Text deckt. Der vollständige Text von Antje Vollmer ist abrufbar auf ihrer Website: https://antje-vollmer.de/

Wie soll es denn gesehen werden?

Der Aufsatz ist Vollmer-typisch gut lesbar und schwingt kräftig mit Emotionen. Er beginnt mit einer Beschreibung einer der Mainstream-Positionen, die von der Invasion Russlands überrascht sei und die Schuld allein[1] bei Russland sieht. Antje Vollmer sieht darin einen „Kotau“ für den Einstieg in weitere Diskussionen. Ohne diese „Schwurformel“ auf die „Zeitenwende“ wäre man nicht mehr Debatten-fähig. Die Position selbst hält sie für „nicht falsch“. Aber: Es würde nicht nach den Ursachen für die Entstehung der großen Sicherheitskrise (mindestens) Europas gesucht, wo es doch nach 1989 die glücklichste Phase des eurasischen Kontinents gegeben hätte. Sie widerspricht wiederum auch deutlich der These, dass es 1989 (Ende des Kalten Krieges) eine „etablierte Friedensordnung“ gegeben hätte. Sie erklärte diesen Zustand für „Pax Atomica“.    

„Pax Atomica“ war es nur im Konflikt zwischen Ost und West und die „eurasische“ Freude konnten nur diejenigen empfinden, die von der Verteilung des russischen Vermögens profitierten und oder sich als Staaten auf den Weg in die EU begaben. „Pax Atomica“ ist auch der Grund, warum NATO und EU keine Kriegsparteien werden wollen. Die selbstzerstörerische Wirkung von Atomwaffen ist auch dem Kreml bekannt. Der Sinn besteht vorrangig in der Immunität vor Vernichtungsschlägen durch atomare Reaktionsfähigkeit. Nur aus diesem Grund haben sich acht Staaten entsprechend ausgerüstet und der Iran ist wohl kurz davor. Die USA haben mit dem Abwurf auf Japan demonstriert, dass atomarer Krieg das Ende bedeutet. Die Anzahl der aktuellen Waffensysteme würde die Menschheit 150-fach vernichten.[2]

Eurasischer Frieden?

Einen eurasischen Frieden hat es in der Form von echter Frohlockung vor allem in Westeuropa gegeben, das mit billigen Rohstoffen korrumpiert wurde. Die Randrepubliken der ehemaligen UdSSR konnten diese Freude nicht teilen. Es sei an die zwei Tschetschenien-Kriege erinnert, die von Jelzin/Putin bis zur Eliminierung der Hauptstadt Grosny geführt wurden.[3] Im ersten dieser Kriege (1994-1996) war Jelzin noch verantwortlich und im zweiten Krieg (1999-2009) konnte Putin im sogenannten „Anti-Terrorismus“-Krieg in der russischen Bevölkerung punkten. Etliche seriöse Journalist(en)innen wie die russisch-französische Historikerin Galia Ackerman hatten den zweiten Krieg als von Putin und seinem Geheimdienst inszeniert eingestuft. Es wurden in Wohnblöcken Moskaus Sprengsätze gezündet und den Tschetschenen zugeordnet.[4]

Putin, der bis dahin nicht gewählt, sondern von Jelzin 1999 als Ministerpräsident eingesetzt wurde[5], auch weil er die „Anti-Terrorismus“-Operationen erfolgreich geleitet hatte, konnte sich als „Vaterlands-Verteidiger“ im Stile Stalins einen Namen machen. Er gewann nach der Demission Jelzins am 26. März 2000 die Wahl mit 52,9 %. Kurz vorher wurde er von Jelzin als kommissarischer Präsident eingesetzt. Mit der Finanzierung und dem Medien-Support der Jelzin-Nomenklatura wurde der Wahlerfolg möglich. Der Tschetschenien-Krieg war sein Meisterwerk in den Augen vieler Russen. Daran änderten auch die vielen internationalen Verurteilungen Russlands durch den Europäischen Gerichtshof nichts.[6] Vier Jahre später konnte Putin bereits über 72 % erzielen.

Erwähnenswert sind auch die anderen Konfliktzonen Südossetien, Abchasien, Berg-Karabach und Transnistrien. Alle folgten im Zusammenbruch der Sowjetunion als Sezessionskriege unter Beteiligung russischer Minderheits-Ethnien.[7] Dieses Muster kommt immer wieder zur Anwendung, um militärisch qua Panzer zu intervenieren. Die Atomwaffen dienen lediglich dazu, dem Westen die Sinnlosigkeit von Parteinahme zu suggerieren. Diese Diktion wurde auch im aktuellen Ukraine-Krieg wiederholt, meistens aus der zweiten Reihe wie vom Ex-Präsidenten und Sicherheitschef Medwedew, der immer wieder die russischen Atom-Sprengköpfe betont.

Putins Rede im Bundestag

Gehen wir zurück in das Jahr 2001. Putin war neu im Amt und die Unterstützung im eigenen Land war noch fragil. Die legendäre Rede im Bundestag im September 2001 folgte auf die Tschetschenien-Kriege und Putin gab sich weltoffen und friedfertig. Tschetschenien war erfolgreich bewältigt und der Westen hielt sich bis auf verbale Schelte heraus. Die Rede[8] wurde mit Beifall aufgenommen und Tschetschenien war vergessen. Der Feind wurde im Islamismus ausgemacht und Putin war mit im Boot. Alles schien auf Frieden und Abrüstung hinauszulaufen. Der aktuelle Zustand der deutschen Armee bestätigt die militärische Schwäche des Westens. Es wurde in Europa abgerüstet. Die NATO senkte die Rüstungsausgaben von 1999 bis 2008 (Georgien-Krieg Russlands) um ca. 20 % gemessen am BIP-Anteil. Zu diesem Zeitpunkt beklagte Putin die Aggressivität der NATO. Es war der Wunsch der ehemaligen Sowjetrepubliken nach NATO-Mitgliedschaft, der ihm zu schaffen machte.

Russland verlor die Rolle als Supermacht Nr. 2

Die Invasion der USA in den Irak 2003 zeigte aber allen überdeutlich, dass eine Weltordnung auf Augenhöhe zwischen USA und Russland nicht mehr möglich war. Russland wurde degradiert. Der Zerfall der UdSSR und des Warschauer Paktes wird in dem Vermächtnis von Antje Vollmer richtig interpretiert. Der Westen feierte sich als Sieger; und in der kolonialen Hybris wurde die Welt incl. Osteuropa in willfährige Märkte segmentiert. Wie toll, der Osten kam noch hinzu. So ist er halt, der Westen. Eine Friedensordnung ist insoweit gewünscht, um den „freien“ Handel zu sichern. Demokratie als Wert wird dem untergeordnet. Der Zerfall der Sowjetunion hat Russlands ökonomische Schwäche entlarvt, aber das Land substanziell nicht verarmen und die Atomsprengköpfe schon gar nicht verschwinden lassen.

Die UdSSR war pleite und innerlich zerstritten

Antje Vollmer verkennt in ihrer Gorbatschow-Glorifizierung die Notwendigkeit einer Änderung im System der UdSSR. Insofern war es keine demokratische Basisbewegung von Glasnost und Perestroika, sondern die Erkenntnis eines umsichtigen Präsidenten, dass man vielleicht doch das Volk bräuchte, um aus der tiefen ökonomischen Krise herauszukommen. Diese Krise beruhte auf einer Monokultur von Öl-Gas-Militärprodukten basierender Volkswirtschaft. Der Kollaps lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Es ist weder der Tag des Belowescher-Abkommens (Auflösung der UdSSR), noch der August-Putsch 1991 (gegen Gorbatschow). Es war der 13. September 1985, als der saudi-arabische Ölminister Ahmed Yamani erklärte, dass Saudi-Arabien die Vereinbarung über die Drosselung der Ölförderung aufkündige und seinen Anteil auf dem Ölmarkt wieder ausbaue.
  • „Saudi-Arabien erhöhte die Ölproduktion um das 5,5-fache und die Ölpreise fielen um das 6,1-fache“, schrieb Jegor Gaidar, der Architekt radikaler Wirtschaftsreformen im postsowjetischen Russland, in den 1990er Jahren.[9]
  • Hinzu kamen die wirtschaftliche Ineffizienz und das Ansteigen ethnischer Auseinandersetzungen mit Kasachen, Armenien, Aserbaidschanern, Georgiern, Tschetschenen etc.
  • Es war auch nicht nur die Industrie betroffen, sondern auch die Landwirtschaft. In der Gorbatschow-Ära halbierte sich der Viehbestand. Das Sowjetvolk wurde massiv demotiviert.

Diese Gemengelage in Kombination mit der desaströsen 10-jährigen Afghanistan-Besetzung (Ende: 1989) zerlegten die UdSSR vollends.

Das eurasische „Glück“ war das Ergebnis wirtschaftspolitischer Ignoranz. Der Ressourcen-Reichtum wurde nicht genutzt, um das Land voranzubringen und die Jelzin-Ära war nur möglich, weil Gorbatschow die Unterstützung fehlte. Jelzin hat daraufhin in neoliberaler Manier das Land zum Ausverkauf freigegeben. Die ehemaligen Apparatschiks konnten sich an den Ressourcen bedienen. Ihnen wurden die Betriebe quasi zugelost und die Rohstoffe konnten auf dem Weltmarkt für großen Reichtum unter den neuen Eigentümern sorgen. Der Westen hatte die Deals begleitet und das Land systematisch in die Pleite begleitet. Alle vom Westen aufgebrachten, teils öffentlichen Gelder versickerten bei den Oligarchen und ihren korrupten Verbündeten. Durch die Preisfreigaben aller Güter außer Rohstoffen explodierte die Inflation und enteignete das russische Volk. Der Rubel hatte nur noch Ramsch-Niveau und die Zinssätze wurden als Therapie gegen die Inflation auf bis zu 150 % geschraubt. Ergebnis: Stillstand und Armut.

Anders verhielten sich die gesellschaftlichen Entwicklungen bei den östlichen Nachbarstaaten, wo sich in der DDR und in Polen Bürger-Bewegungen entwickelten. In dieser Phase hätte ein Panzereinsatz der UdSSR wie zu Zeiten des Prager Frühlings andere Konsequenzen gehabt. Die UdSSR hätte diesen Krieg in der Pleite-Situation und den westlichen (Überlebens)Krediten nicht führen können. Jelzin hatte Russland noch weiter verarmen lassen. Wollte Gorbatschow noch am Sozialismus ohne Privateigentum an Produktionsmitteln festhalten, so entschied sich Jelzin für den kapitalistischen Weg ohne organisch gewachsene Märkte. Diese Radikalkur ohne jegliche Marktregeln konnte nicht funktionieren. Aber es konnte viel individueller Reichtum entstehen. Viele dieser Exzesse flossen in Geld-Anlagen und Immobilien nach London, Dubai, Gasteiner Tal und an den Genfer See, wo der Rohstoff-Handel seine besonderen Blüten treibt.

Demokratie bestand nur in der langen Phase der Jelzin-Korruption

Interessanterweise hat nur die Jelzin-Ära demokratische Freiheiten wie Presse- und Versammlungsfreiheit toleriert. Nachdem das Fell des Bären verteilt war, wurden wieder Verteidigungslinien eingenommen und die Pfründe beschützt. Einige Oligarchen wie Chodorkowski hatten inzwischen soviel Verve mit den westlichen Deals entwickelt, dass sie auch politisch an der Umgestaltung der russischen Gesellschaft Interesse zeigten.

Allerdings war das Zepter vom unfähigen und alkohol-kranken Jelzin auf Putin übergegangen, der ein „Schrott-Land“ mit demokratischen Freiheiten übernommen hatte. Putin störte sich aber an den neuen reichen Oppositionellen, die ihre Milliarden US-Dollar hätten einsetzen können, um selbst an die Macht zu kommen. Er stellte sie mühelos kalt, denn sie hatten alle Leichen im Keller aus der Zeit, als Jelzin ihnen den Zugriff auf die Ressourcen gestattete. Auch das Zahlen von Steuern glich eher einem Spenden aus Einnahmen a la Uli Hoeneß. Mit der Inhaftierung Chodorkowskis signalisierte Putin allen oppositionellen Oligarchen, wohin es geht, wenn sie nicht loyal sind. Wahlen wurden unter Ausschaltung echter Opposition manipuliert, Journalisten verfolgt, verhaftet oder gar ermordet (Politkowskaja).[10]     

Putin installierte seine eigene Seilschaft und die „Alt“-Oligarchen wurden auf Linie gebracht. Diese Ereignisse erfolgten recht rasch nach seiner Wahl 2000 und noch intensiver nach seiner Wieder-Wahl 2005. Der Hinweis Antje Vollmers, dass Putin 2008 misstrauisch wurde, lässt sich auch andersherum lesen. Der Westen hätte misstrauisch werden müssen angesichts der neofaschistischen Vorgehensweisen gegen andere Staaten, Ethnien und Oppositionelle.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob der Westen hätte mehr tun können. Ja, er hätte. Und zwar als das Land pleite war. Die UdSSR war auf dem Stand zwischen Entwicklungs- und Schwellenland. Der Westen hätte ein rigides Junktim von „Geld/Hilfe gegen Demokratisierung“ entwickeln können. Aber so tickt der Westen nicht, denn es ist letztlich das Finanzkapital, das die Oberhand in diesen Prozessen innehat. Die UdSSR wurde zahlungsunfähig und durch IWF, Weltbank und Japan als Staat aufgefangen: Volumen von 22,6 Mrd. US-Dollar. Die FED musste zudem einen großen Hedge-Fond („Long-Term Capital Management“) stützen, um eine globale Finanzkrise zu vermeiden.

Friedensordnung: quo vadis

Die neue Sicherheitsarchitektur – wie es so schön heißt – wird fragil bleiben, solange Nationen die Grenzen verschieben wollen. Das gilt besonders für Russland. Dass die USA und historisch alle westeuropäischen Nationen viele Hypotheken aufgeladen haben, was Völkerrecht betrifft, ist unbestritten, aber inzwischen auch eine Binse. An dieser Stelle bleibt noch viel Wiedergutmachung, sonst wird der Trikont (Asien, Afrika und Lateinamerika) China noch mehr in die Hände fallen. Europa hätte eklatante Beschaffungsprobleme bei strategischen Rohstoffen. Die EU ist am kurzen Hebel und muss betteln, damit aus dem Trikont zukünftig die Ingredienzien für die industriellen Produkte importiert werden können. China und Russland werden/könnten sich verweigern. Und China kontrolliert aktuell 90 % der Seltenen Erden, die für die „grüne“ Industrialisierung notwendig sind.

Mit dem Aufstieg Chinas ist die alte Weltordnung (2. Weltkrieg bis 1990er Jahr) eh passe. China ist um einiges potenter als Russland nicht nur wegen der 1,4 Mrd. Chinesen, sondern auch aufgrund der grandiosen wirtschaftlichen Entwicklung. Der künftige „kalte Krieg“ kann unter ungünstigen Umständen auf eine neue Stufe gehoben werden, wenn die von Antje Vollmer unterschätzten Aktivitäten Chinas nicht gebremst werden. China veranstaltet im Südchinesischen Meer eine Machtdemonstration von besonderer Machart. Es werden Korallenriffe und Felsbrocken, die aus dem Meer ragen, mit Beton aufgeschüttet und mit Wirtschaftszonen gleichgesetzt. Es geht wie immer um Ressourcen und See-Rechte. Auch die Entscheidungen des internationalen Seegerichts werden von China abgelehnt. Es ist die besondere Form der chinesischen Expansion, die sich auch mit dem Leerfischen der internationalen Gewässer deckt. Die Fischfangflotten sind von 13 aus der 1980er Jahren auf 17.000 Schiffe angestiegen, was einige Staaten wie das weit entlegene Ecuador in Versorgungsnöte bringt. Wer da wie Antje Vollmer von Taiwan-Provokationen schreibt, hat die Veränderungen der politischen Blöcke noch nicht vollständig erfasst. China beherrscht aktuell den globalen Ressourcen-Markt und wird sich mit Russland noch eine weitere gigantische Energiequelle („billige Tankstelle“) sichern.

Die Großmacht-Visionen der Hegemonie-Staaten incl. der USA sind mit Völkerrecht nicht kompatibel. Sie denken geopolitisch unter Missachtung der nationalen Souveränität. Leider argumentiert auch das Vollmer-Vermächtnis auf dieser Ebene. Die Ukraine kommt kaum vor, auch nicht das Budapester Abkommen von 1994, wo die Ukraine alle Atomwaffen an Russland abgegeben hat, um sich damit den Nicht-Angriff zusichern zu lassen. Das Vermächtnis ist leider mehr als unvollkommen. Es beschreibt lediglich die westliche Hybris korrekt.

Alle wollen Frieden, die nicht vom Krieg profitieren

Es macht auch keinen Sinn, Friedenpostulate auszusenden. Wir wollen alle Frieden, Versöhnung und Ausgleich. Wir wollen die Natur und den Planeten retten. Es sind Interessen auszugleichen und der Westen muss es lernen abzugeben. Wir müssen an die ruinösen Finanzströme ran. Sonst wird das nix. Das ist eine politische Mammut-Aufgabe.

In diesem Kontext sollte die Position einer robusten Unterstützung der Ukraine mit Waffen durch die Grünen nicht als Abkehr von ursprünglichen Zielen polemisiert werden. Die Grünen sind nicht verführt worden. Es ist eine neue Qualität, wenn der Krieg in einer Form des 1. Weltkrieg aufpoppt. Es ist auch kein geopolitischer Machtpoker, wenn die Ukraine unterstützt wird. Es ist die Unterstützung zur Wiedererlangung der nationalen Integrität. Das ist keine Geopolitik. Das sind die Wurzeln grüner Politik. Antifaschismus und Antiimperialismus sind ebenso in der grünen DNA enthalten wie der Wunsch nach Frieden und Umweltschutz. Frieden ohne Freiheit hat aber wenig Wert. Die Ukraine muss sich befreien können. Dass dieser Krieg geopolitische Auswirkungen und Rückkopplungen hat, bleibt unbestritten. Das trifft aber inzwischen auf alle Kriege zu.

Es ändert aber nichts daran, dass Antje Vollmer eine eindrucksvolle Kämpferin für humane und grüne Ideale war und dem Feminismus ein sympathisches Gesicht gegeben hat. Wir werden sie missen. Ihr Vermächtnis hat mindestens dazu beigetragen, über die eigenen oder auch grünen Positionen nachzudenken. Und wer weiß, ob nicht ein anderer „Westen“ diesen Putin hätte verhindern können. Dieser Aspekt ist in ihrem Vermächtnis sehr gelungen. Aber das war es denn auch, leider.

Putins Finger in der Wunde von NATO und EU

Dieser Putin hatte in einer weiteren legendären Rede 2007 (43. OSZE-Konferenz) auf folgendes Problem aufmerksam gemacht:

„Wir sehen eine immer stärkere Nichtbeachtung grundlegender Prinzipien des Völkerrechts. Mehr noch – bestimmte Normen, ja eigentlich fast das gesamte Rechtssystem eines Staates, vor allem, natürlich, der Vereinigten Staaten, hat seine Grenzen in allen Sphären überschritten: sowohl in der Wirtschaft, der Politik und im humanitären Bereich wird es anderen Staaten übergestülpt. Nun, wem gefällt das schon? In den internationalen Angelegenheiten begegnet man immer öfter dem Bestreben, die eine oder andere Frage ausgehend von einer so genannten politischen Zielgerichtetheit auf der Grundlage der gegenwärtigen politischen Konjunktur zu lösen.
Das ist allerdings äußerst gefährlich. Es führt dazu, dass sich schon niemand mehr in Sicherheit fühlt. Ich will das unterstreichen – niemand fühlt sich mehr sicher! Weil sich niemand mehr hinter dem Völkerrecht wie hinter einer schützenden Wand verstecken kann. Eine solche Politik erweist sich als Katalysator für das Wettrüsten.“[11]

Diesen Freifahrtschein hat Putin genutzt, um das von ihm beschworene Völkerreicht seinerseits zu brechen. Schließlich hätten NATO und EU genau dieses Recht im Jugoslawien-Krieg ebenfalls gebrochen. Antje Vollmer hat diese Argumentation schon 2014 in der Berliner Zeitung aufgenommen und erkennt darin die Putin’sche Gegenrechnung.

„Ich habe immer gewusst, dass wir für den Bruch des Völkerrechts im Kosovo-Krieg irgendwann von Russland oder China die Rechnung vorgelegt bekommen“.[12]

Damit wären wir beim alten „grünen“ Streit zwischen Antje Vollmer und Joschka Fischer. Letzterer hatte sich mit der Mehrheit der Grünen für die Voranstellung der Menschenrechte entschieden, um dem Genozid gegen Kosovaren und Bosnier entgegenzutreten: Genozid vs. Völkerrecht. Spätestens jetzt wird klar, warum Putin überall einen Genozid gegen russische Minderheits-Ethnien in den Nachbarstaaten der ehemaligen UdSSR ausmacht. Es ist ein Lügen-Gebäude mit neofaschistischen Wurzeln unter vergiftetem Verweis auf die UN-Charta.

Antje Vollmer hatte in dem Interview dann auch nochmals erwähnt, dass die UdSSR eine besondere Rolle in der globalen Friedensordnung zugestanden hätte, denn:

„Immerhin hat sie (die UdSSR) die Länder des östlichen Europas ohne Blutvergießen in die Freiheit ziehen lassen.“

Dass dieser Akt nicht freiwillig war, wurde bereits oben im Text behandelt. Auffällig ist aber immer wieder die geopolitische Sichtweise. Mit welchem Recht hätte die UdSSR Blut vergießen sollen? Das Völkerrecht bleibt außen vor. Antje Vollmer hat in dem Interview mit der Berliner Zeitung moniert, dass der Sowjetunion keine besondere Rolle in der globalen Friedensordnung zugestanden wurde. Sie verglich das Verhalten des Westens mit dem Versailler Vertrag nach dem 1. Weltkrieg (siehe Fußnote 1), wo Deutschland von den Siegermächten „erniedrigt“ wurde. Sie wirft den Grünen in diesem Zusammenhang Geschichts-Vergessen vor, übersieht aber den Unterschied, dass der Sowjetunion keine Schulden aufgebürdet wurden und auch die Industrie nicht demontiert wurde. Im Gegenteil wurde die UdSSR vor dem Staatsbankrott bewahrt, auch wenn die Interessen des westlichen Finanzkapitals im Vordergrund standen. Die UdSSR hatte sich selbst zerstört, unter anderem mit Kriegen. Nach den Tschetschenien-Kriegen konnte das Interesse des Westens nicht größer werden, der Sowjetunion noch mehr Mitsprache zu ermöglichen als das Veto-Recht im Sicherheitsrat der UN, wo alle Sieger- und Atommächte mit Sonderrechten ausgestattet sind. Die Aufnahme in die G7 zur G8 war so eine Integration in eine informelle Weltorganisation. Mit der Krim-Annexion hatte Russland auch diese Position verspielt. UdSSR und Russland sind nicht die Opfer des Westens, sondern sich ihrer selbst. Die Vorwürfe gegen den „raffgierigen“ Westen dürfen nicht dafür herhalten, Russland zum Opfer zu verklären. Das System von Autoritarismus und Oligarchen-Republik entstammt der eigenen gesellschaftlichen Entwicklung. Dazu zählt auch die Aggression gegen Nachbarstaaten. Diese Politik sollte nicht Bestandteil einer Friedensordnung sein. Das gilt auch für US-amerikanische und chinesische Hegemonie-Ansprüche. Antje Vollmer hat sich in der Begründung für Putins Handeln verrannt und die Grünen zu Unrecht kritisiert. Baerbocks Trompete darf weiter laut sein.

Eine Reaktion aus dem Evangelischen Spektrum

Theologe Johann Hinnrich Claussen schreibt im Blog von Chrismon zum Vollmer-Vermächtnis:

„Aber dass Vollmer die „Schuld“ primär in der „Hybris“ von „Europa“ (und den USA) erkennt, leuchtet mir nicht ein. Auch scheint mir ihr Begriff von „Europa“ sehr eng zu sein. Nicht nur die Ukraine, auch Polen oder das Baltikum scheinen sie nicht interessiert zu haben.

Noch mehr irritiert mich an Vollmers letztem Artikel, mit welcher Härte und Verachtung sie über ehemalige Weggefährten aus der Bürgerrechtsbewegung und ihre Nachfolgerinnen bei den Grünen schreibt. Auf mich wirkt dies – als letztes Wort – unversöhnlich und gehässig. Die „Berliner Zeitung“ hat diesen Text als Vollmers „Vermächtnis“ vorgestellt. Ich sehe in ihm eher eine innerparteiliche Abrechnung.“[13]

So kann man es auch sehen.


Weiterführende Literatur zum Russland-Ukraine-Krieg aus meiner Feder: Thomas Ertl: Russlands Ukraine-Krieg und der Westen. Metropolis Verlag Marburg 2022


[1] Das semantische Spiel mit der Alleinschuld verwischt die Ebenen. Auch Nazi-Deutschland war allein schuld am Überfall auf die Nachbarstaaten. Die Ursachen sind aber auch in den überdimensionierten und für Deutschland nicht tragbaren Reparationszahlungen zu sehen. Daraus folgt kausal nicht der Überfall auf andere Staaten. Es zeigt auf, dass Fehler in der Schaffung von internationalen Mechanismen zur Befriedung begangen wurden.

[2] News 2018; o.S.: So wenig Atombomben reichen für das Ende der Menschheit. https://www.news.de/panorama/855700759/studie-ueber-atomwaffen-100-atombomben-reichen-fuer-zerstoerung-der-welt/1/. 23.03.2023

[3] Jörg R. Mettke 1999; o.S.: “In einer Woche platt“. https://magazin.spiegel.de/ EpubDelivery/spiegel/pdf/15083569. 24.03.2023

[4] Thomas Franke 2023; o.S.: Wie Putin Politik durch Kriege macht – Tschetschenien, Syrien, Ukraine. Manuskript zur Sendung. https://www.swr.de/swr2/wissen/wie-putin-politik-durch-kriege-macht-tschetschenien-syrien-ukraine-swr2-wissen-2023-03-07-100.html. 24.03.2023

[5] Sandra Kathe 2022; o.S.: Wladimir Putin: Radikaler Präsident an der Spitze Russlands. https://www.fr.de/politik/wladimir-putin-praesident-russland-staatschef-politik-kreml-moskau-90574051.html. 23.03.2023

[6] Konstanze Jüngling, Tengiz Dalalishvili, Martin Thalhammer 2022; o.S.: Tschetschenienkrieg zwischen Russland und der Republik Tschetschenien. https://osteuropa.lpb-bw.de/tschetschenienkrieg#c87058. 24.02.2023.

[7] Gesine Dornblüth 2014; o.S.: Russland und die eingefrorenen Konflikte. https://www.deutschlandfunk.de/machtpolitik-russland-und-die-eingefrorenen-konflikte-100.html. 23.03.2023

[8] Der Spiegel hat später aufgedeckt, dass deutsche Lobbyisten am Text mitgewirkt hatten.

Sven Becker, Benjamin Bidder und Nicola Naber 2022; o.S.: Wie Moskau seine Strippenzieher verlor. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/wie-moskau-seine-strippenzieher-verlor-a-cba9a596-30f1-44d7-b710-8a91a21be654. 23.03.2023

[9]ALEXEJ TIMOFEJTSCHEW 2019; o. S: Drei Gründe für den Untergang der Sowjetunion. https://de.rbth.com/geschichte/81411-gruende-zerfall-sowjetunion. 10.02.2023.

[10] RSF 2021; 0.S.: Mord an Politkowskaja endlich aufklären. https://www.reporter-ohne-grenzen.de/pressemitteilungen/meldung/mord-an-anna-politkowskaja-endlich-aufklaeren. 23.03.2023

[11] Wladimir Putin 2007; o.S.: “Ich denke, dass für die heutige Welt das monopolare Modell nicht nur ungeeignet, sondern überhaupt unmöglich ist”. http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Sicherheitskonferenz/2007-putin-dt.html. 23.03.2023

[12] Antje Vollmer 2014; o.S.: „Auch die Grünen scheinen mir sehr geschichtsvergessen“. https://www.berliner-zeitung.de/antje-vollmer-auch-die-gruenen-scheinen-mir-sehr-geschichtsvergessen-li.15108. 23.03.2023

[13] Johann Hinnrich Claussen 2023; o.S.: Die letzten Worte einer Pazifistin. https://chrismon. evangelisch.de/blogs/kulturbeutel/blog-antje-vollmers-vermaechtnis-als-pazifistin. 25.03.2023