Ressentiment – das Opium des Volkes

Ressentiment – das Opium des Volkes

16. Januar 2026 0 Von Uli Gierse

Ohne Zweifel sind viele Menschen im amerikanischen Rust Belt, die mehrheitlich für Trump gestimmt haben, Verlierer der Globalisierung und Opfer des Niedergangs der Kohle- und Stahlindustrie. Ihre Ängste um die eigene wirtschaftliche Zukunft sind real und begründet. Ähnlich verständlich sind die massiven Anpassungsschwierigkeiten vieler ehemaliger DDR-Bürgerinnen und -Bürger an den kapitalistischen Westen nach 1990.

Die kapitalistische Marktwirtschaft unterliegt einem permanenten Veränderungszwang. Das macht sie einerseits hochproduktiv und wohlstandsfördernd, produziert aber zugleich fortlaufend Verlierer. Diese fühlen sich – nicht zu Unrecht – verletzt, entwertet und gekränkt. Nach der Phase des mehr oder weniger kontinuierlichen Wachstums seit 1945 steht die güterproduzierende Industrie in den alten westlichen Industrieländern heute unter massivem Druck der expandierenden chinesischen Wirtschaft.

Diese Entwicklung wirkt bis tief in den wohlhabenden Mittelstand hinein. Die Journalistin Michaela Haas berichtet in einer Kolumne für die Süddeutsche Zeitung[1] von ihrer Cousine in den USA, die empört darüber ist, dass die Einwanderungsbehörde ICE ihren Gärtner abgeschoben hat – trotz gültiger Greencard. Sie kennt ihn seit 15 Jahren als hart arbeitenden Familienvater, der Steuern zahlt, sich ein Geschäft aufgebaut hat und sich nichts zuschulden kommen ließ. Und doch würde sie bei den nächsten Wahlen erneut Trump wählen – aus Angst vor einer angeblichen „kommunistischen Machtübernahme“.

Die eher irrationale Angst vor „Kommunisten“ in den USA ist offenbar stärker als die konkrete Wut über die Abschiebung eines vertrauten Menschen. Der Schlüssel zur Anhängerschaft Trumps liegt – so legt es der Artikel nahe – in dieser Angst. Einer Angst, die nicht erfunden, sondern erworben wurde.

Offensichtlich gibt es langfristig wirksame Überzeugungen, die sich nicht rein rational erklären lassen. In der sozialpsychologischen Forschung nennt man das dann Ressentiment. Wortwörtlich könnte man Ressentiment mit einem zähen, hartnäckigen Groll gegen „Andere“ übersetzen. Obwohl das Phänomen bereits im 16. Jahrhundert von Montaigne beschrieben wurde, besteht bis heute kein einheitliches Verständnis über seine Ursachen und Wirkungsweisen.

In einer aktuellen Studie[2] zum radikalen Islamismus in Deutschland wird Ressentiment wie folgt definiert: „Ressentiment bezeichnet die Verfestigung eines Gefühls der Kränkung.“

Weiter heißt es: „Ressentiment bildet sich aus, wenn eine empfundene Kränkung nicht ausagiert werden kann, sich Betroffene in einer Ohnmachtssituation wiederfinden und nach Schuldigen für ihre emotionale Misere suchen. Die Schuld wird dabei einem abstrakten bösen Täter oder einem abstrakten bösen System zugeschrieben. Ressentiment trägt daher nicht zur Verarbeitung realer oder vermeintlicher Kränkungen bei, sondern dazu, dass diese immer wieder neu empfunden werden.“

Die Forscher schließen aus der Stabilität, man könnte auch sagen Hartnäckigkeit, auf eine geringe Lern- und Reflexionsbereitschaft.

Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl könnte sich in der Beschreibung der Phänomene anschließen, er sieht aber auch strukturelle Gründe für die Entstehung von Ressentiments.[3] Für ihn ist Ressentiment keine lineare Kausalkette (Niederlage führt zu Kränkung), sondern ein dauerhaft geronnener, reflektierender Affekt. Neu ist dabei der Zusatz „reflektierend“. Bei Vogl reflektiert nicht der Verstand über den Affekt, sondern der Affekt selbst übernimmt reflexive Funktionen. Der reflexive Affekt kommentiert, bewertet und rechnet – ohne begrifflich klären zu wollen. Er ist „denkähnlich“, denkt gefühlig, aber nicht vernünftig im strengen Sinn. Das Ressentiment interpretiert soziale Verhältnisse affektiv und ersetzt rationale Analyse durch affektive Sinngebung.

Das Ressentiment fragt nicht: Was ist der Fall?, sondern: Wer ist schuld? Wer steht über mir? Wer nimmt mir etwas weg?

Die letzten Fragen verweisen bereits auf das zentrale Moment des Ressentiments: die soziale Hierarchisierung. Es geht um Status, Position und Anerkennung im permanenten Wettbewerb – um die Frage, ob man „richtig eingeordnet“ ist. Wird diese Frage negativ beantwortet, beginnt die Suche nach Schuldigen.

Ressentiments entstehen unter Bedingungen systematischen Vergleichens und fortlaufender Bewertung des eigenen Status. Sie sind die affektive Personalisierung abstrakter gesellschaftlicher Verhältnisse. Auch diese Einsicht ist nicht neu. Bereits Max Scheler beschrieb die moderne liberal-kapitalistische Gesellschaft als strukturell „ressentimental“.

Scheler verband das Ressentiment mit den neuen Vergleichsmöglichkeiten des Individuums in der liberalen Gesellschaft. Grundlage dafür war die formale Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz – ein historischer Fortschritt gegenüber den ständischen Privilegien der Feudalgesellschaft. Doch diese rechtliche Gleichheit ging von Anfang an mit realer Ungleichheit in Reichtum und Status einher. Neu war, dass sozialer Aufstieg prinzipiell möglich wurde – der amerikanische Traum. Gerade deshalb wurde die Frage nach dem eigenen Platz zentral: Wer hat mehr? Wer wird übergangen? Wer profitiert?

Dieser permanente Vergleich war und ist nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein ökonomisch erwünschtes Phänomen. Wettbewerb lebt vom Vergleichen.

Joseph Vogl geht darüber hinaus. Für ihn sind Affekte wie das Ressentiment nicht bloße Kollateralschäden des Kapitalismus, sondern womöglich notwendige Ressourcen (Rohstoffe) des Systems selbst. Die moderne Marktgesellschaft werde nicht nur durch Profitinteressen, sondern auch durch die Rehabilitierung vormals verpönter Affekte wie Geiz, Neid oder Gier[4] angetrieben.

„Ohne die Mobilisierung von Affekten gibt es keinen einträglichen Geschäftsverkehr“, schreibt Vogl. Affekte (Geiz ist geil) seien eine produktive Selbsterregung des Systems.

Da kapitalistische Ökonomien auf Vergleichen, Bewerten, Belohnen und Bestrafen beruhen, produzieren sie strukturell immer auch Sieger und Verlierer. Sie erzeugen Knappheit, organisieren Dauerbewertung und verwandeln jedes Haben in ein Nicht-Haben des Anderen.

Ressentiments sind daher keine spontanen Gefühlsausbrüche, sondern dauerhafte, ungelöste Affektzustände, die in den sozialen Gegensätzen tief verankert sind. Genau hier schließt die Geschichte der Frau an, die ihren Gärtner verloren hat: Auch Gewinner produzieren Ressentiments, weil sie sich ihrer Position in der gesellschaftlichen „Schlange“ nie sicher sein können.

Anstatt komplexe ökonomische oder politische Zusammenhänge zu analysieren, setzt das Ressentiment auf Vereinfachung. Irgendwer muss schuld sein. Strukturelle Probleme werden in personalisierte Schuldfragen übersetzt. Ursachenforschung wird durch Verdacht ersetzt. Parolen und Verschwörungstheorien sind leicht zu produzieren und schwer zu widerlegen. Darin liegt ihre politische Wirksamkeit. Frei nach Nietzsche: Irgendjemand muss schuld sein, dass ich mich schlecht fühle.

Um überhaupt handlungsfähig zu werden, wird die eigene Ohnmacht an Autoritäten oder imaginierte Vollstrecker delegiert – an Führerfiguren. Das begünstigt rechte Bewegungen[5], findet sich aber auch in linken.

Der Antisemitismus ist bis heute – trotz des Holocaust – ein bevorzugtes Terroir für Ressentiments. Das kann man vor allem an seiner Entstehung gut nachvollziehen.

1819 gab es in vielen deutschen Städten judenfeindliche Ausschreitungen, die sogenannten Hep-Hep-Krawalle. Häuser von Juden wurden überfallen und verwüstet. Die Urheber kamen meist aus den Reihen des Handwerks und der Kaufmannschaft. „Ihr Hauptmotiv war der Wunsch, jüdische Konkurrenten auszuschalten. (…) Im Vordergrund stand nicht mehr das christliche Vorurteil gegen die vermeintlichen „Gottesmörder“, sondern das Ressentiment gegen die Juden als Nutznießer des Modernisierungsprozesses.“[6]

Dieser neue Judenhass wurde auch von Konservativen unterstützt, da diese in der Folge der rechtlichen Gleichstellung der Juden die Gefahr herbei phantasierten, dass aus „unserem alten ehrwürdiges Brandenburg-Preußen ein neumodischer Judenstaat“[7] werden könnte. „Judenemanzipation, Gewerbefreiheit und Freizügigkeit rückten in der antiliberalen Agitation nahe zusammen, und in der Gestalt des Juden wurde gebündelt, was die vertraute Welt bedrohte.“[8] Die Juden wurden von Konservativen als „neumodische Liberale“ einsortiert und von Liberalen als rückständig, da das Judentum noch nicht so weit sei, um wie die Christen, „eine allgemeine Verbrüderung aller Völker auf Gottes weiter Erde“[9] zu wollen.

Der rassistische Antisemitismus wurde dann zu einer politischen wirksamen Kraft nach der sogenannten Gründerkrise Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kritik am abstrakten Finanzkapital, welche Verursacher der Krise war, wurde personalisiert und auf die Figur des „jüdischen Finanzkapitalisten (Rothschilds)“ projiziert. Der Antisemitismus verbindet so Kapitalismuskritik mit Personalisierung. Gleichzeitig stabilisiert das Ressentiment gegen Juden das kapitalistische System. Es richtet sich gegen Menschen, die weitgehend mit den Ursachen der Krise nichts zu tun haben, nicht aber gegen die Strukturen selbst. Das zeigt sich übrigens in Finanzkrisen[10] immer wieder: Statt Banken oder Spekulanten verantwortlich zu machen, werden Dritte zu Schuldigen erklärt.

Das neue Opium des Volkes

Im digitalen Kapitalismus erfährt diese Logik eine neue Radikalisierung. Ressentiments werden gezielt aktiviert und ökonomisch verwertet. Moralische Empörung, Feindbilder und „Bösartigkeit“ erzeugen Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit wird monetarisiert. Je ressentimentgeladener der Content, desto höher der Profit von Meta oder X.

Ressentiments sind zur Ressource kapitalistischer Wertschöpfung geworden. Die Folge ist eine gefährliche Verbindung von ökonomischem Interesse und politischer Manipulation.

Was sich hier herausbildet, ist keine harmlose Aufmerksamkeitsökonomie, sondern eine neue Form digitaler Macht. Institutionen werden delegitimiert, direkte Führer-Gefolgschaftsverhältnisse in den Chats und Posts eingeübt, Gewalt wird kommunikativ legitimiert. Wenn sich diese Ökonomie des Ressentiments durchsetzt, verliert Wissen als kritische Reflexion über komplexe Wirklichkeit. Gewinner sind autoritäre Bewegungen, Tech-Oligarchen und Populisten. Das Ressentiment wirkt dabei wie eine Droge, und die Plattformbetreiber sind die Dealer.

Das was Peter Thiel, Elon Musk oder anderen Libertären vorschwebt, ist aber direkt politisch, denen geht es um die Zerstörung von staatlichen Kontrollinstitutionen und der Verlust von Steuerungsinstrumenten und damit des Rechtsstaats. Sie wollen mit Hilfe der neuen Technologien herrschen. Man kann das dann wie die Vertreter der sogenannten Neo-Reaktion eine neue CEO-Monarchie nennen.  Die neuen Fürsten sind dann die CEOs der Tech-Konzerne, die sich einen neuen Chef, einen CEO-Monarchen, King, wählen. Und das Volk wird dumm gehalten. „No Kings!“ kann man da nur sagen.

Vielleicht hilft Heraklit: „Wer das Gewünschte nicht erhofft, der wird es nicht finden.“ Vielleicht ist die Hoffnung die Gegenspielerin des Ressentiment, auch ein rationaler Affekt, mehr als ein Wunsch. Arbeit, wie Ernst Bloch sagt.


[1] https://www.sueddeutsche.de/meinung/kolumne-von-michaela-haas-usa-trump-ice-no-kings-li.3365417?reduced=true

[2] Von der Bundesregierung geförderten Studien zu „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen von Islamismus“, https://www.radis-forschung.de

[3] Siehe Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment

[4] Das waren im Mittelalter noch Todsünden

[5] Eng verwandt mit dem Ressentiment ist der Nationalismus, der meistens auch aus einem Minderwertigkeitsgefühl gespeist wird. Beispiele sind die Entstehung des deutschen Nationalismus aus einer Abwehr gegen die Vorherrschaft Napoleons und der Nationalismus in der Weimarer Republik als Antwort auf die Niederlage im Ersten Weltkrieg (Versailler Vertrag). Der Nationalismus von Orban oder der PIS-Partei in Polen fußt auch auf Ressentiments gegen vermeintliche Unterdrücker.

[6] Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806 -1933, S.76f

[7] So der Gutsbesitzer von der Marwitz, zitiert nach H.A. Winkler

[8] Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806 -1933, S.77

[9] So der badische Liberale Carl von Rotteck, zit. nach H.A.Winkler

[10] 1928/29 waren es das internationale Judentum und in Folge der Weltwirtschaftskriese erstarkten die Nazis; 2008 waren u.a. die Griechen Schuld und die AfD wurde gegründet.