Was in Russland eingetreten ist, geschieht jetzt in Amerika, vielleicht bald in Europa – der Weg in die Autoritarismus.

Was in Russland eingetreten ist, geschieht jetzt in Amerika, vielleicht bald in Europa – der Weg in die Autoritarismus.

16. Dezember 2025 0 Von Bruno Heidlberger

In seinem Buch Wie Faschismus funktioniert analysiert Jason Stanley Dynamiken, Muster und Mechanismen der Entstehung faschistischer Ideologien, mit Bezug auf die Vereinigten Staaten von Amerika, Indien und Europa. »Droht uns eine Wiederkehr des Faschismus? Befinden sich liberale Demokratien heute auf dem Weg in eine neue autoritäre Gesellschaftsform?« Um diese Frage geht es in dem 2018 erschienen Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt und mit der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps und dem Machtzuwachs der AfD in Deutschland von beunruhigender Aktualität ist.

Jason Stanley, 1969 in Syracuse (New York) geboren, ist ein amerikanischer Philosoph, der an der Yale University in New Haven, Connecticut lehrte. Stanleykündigte Ende März 2025 an, die USA aufgrund des derzeitigen politischen Klimas zu verlassen. Stanleys Forschung ist biografisch motiviert. Seine Mutter, Sara Stanley, und sein Vater, Manfred Stanley, kamen als Flüchtlinge in die USA. Sie hatten die Schrecken des Antisemitismus in West- und Osteuropa erlebt. Sein Vater ist in Berlin aufgewachsen. Sie waren Deutsche. Am Ende verlor seine Familie alles. »Mein Großvater, Magnus Davidsohn, war Oberkantor an der Synagoge in der Fasanenstraße; mein Vater sah das Haus abbrennen. In der Reichspogromnacht wurde mein Vater brutal zusammengeschlagen, infolgedessen quälten ihn sein Leben lang epileptische Anfälle«, berichtet Stanley.[1] »Meine Mutter stammt aus Ostpolen und überlebte in einem sibirischen Arbeitslager, bevor sie 1945 nach Warschau zurückgeschickt wurde, wo sie und ihre Eltern die Brutalität des polnischen Nachkriegsantisemitismus erfuhren.« (201).

»Was wir jetzt sehen – das ist Faschismus«, erklärt Stanley in einem Interview mit der Wochenzeitung ›Die Zeit‹ am 29. März 2025. Wenige hätten es noch vor dem 20. Januar 2025 für möglich gehalten, dass ein US-Präsident nur die Urteile und Strafmaßnahmen akzeptiert, die ihm genehm sind? Oder, dass ein gewaltsamer Sturm auf das Kapitol, der im Grunde ein Putschversuch war, plötzlich als »Tag der Liebe« umgedeutet wird? Nicht Russland, sondern die Ukraine der Aggressor ist? Das ist Orwell 2.0. Auf der Platform X schreibt Trump: »He who saves his country does not violate any Law. Dies ist nichts anderes als die Ankündigung des Rechtsbruchs. So reden Diktatoren. Neuerdings ist sich Trump nicht sicher, ob er an die Verfassung gebunden ist. Das erklärte der US-Präsident in einem Interview. Er sei ja »kein Rechtsanwalt«. Am Tag seiner Amtseinführung erklärt Trump dem »Woke Virus« den Kampf an: Es gibt nur noch zwei Geschlechter in den USA, männlich und weiblich. Wer sich anders definiert, existiert nicht mehr. Es dürfen jetzt keine genderneutralen Pässe mit dem Buchstaben X als Geschlechtsangabe mehr ausgestellt werden. Transgender-Menschen sind damit per Präsidialdekret abgeschafft. »Trumps transfeindliche Politik ist ein Zugeständnis an die Religiöse Rechte, einen wichtigen Teil seiner MAGA-Koalition.«[2] Die Programme für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion (DEI) in Behörden, Ministerien und dem Militär werden gestrichen. Immer mehr Firmen knicken ein, auch in Europa. Mark Zuckerberg fordert jetzt mehr maskuline Energie. Trumps Vizestabschef Stephen Miller, hat knapp 40 »woke Unternehmen« ins Visier genommen. Großen US-Anwaltskanzleien, die gegen Trump ermittelt haben, drohte Trump an, Regierungsaufträge zu entziehen, sollten Sie sich für Diversität einsetzen.

Das Leben als Frau in Amerika ist gefährlicher geworden. Besonders nicht-weiße und queere Frauen fühlen sich bedroht. Trump feuert Frauen aus Führungspositionen in der Armee; gleichzeitig mussten staatliche Institutionen, wie die NASA, alle Hinweis auf »Gleichberechtigung« oder »Frauen in Führungsposition« von den Webseiten löschen. Trumps Sieg signalisiert, dass eine Verurteilung als Sexualstraftäter kein Hindernis ist, zum Präsidenten gewählt zu werden. Den Wahlsieg hat Trump auch jungen Männern unter 30 Jahren zu verdanken; auch dem amerikanisch-rumänischen weltweit einflussreichen Influencer und Frauenhasser Andrew Tade; junge Männer wählen doppelt so oft rechts wie gleichaltrige Frauen. Nach dem Wahlsieg stieg der Hass gegen Frauen im Internet. Jede vierte Frau in Amerika kennt sexualisierte Gewalt aus eigener Erfahrung. Die Abtreibungsextremisten sehen sich jetzt bestärkt. Während die Müttersterblichkeit fast überall auf der Welt sinkt, steigt sie gerade in den USA. Trump lässt die Programme des Gesundheitsministeriums für Reproduktionsmedizin und Senkung der Müttersterblichkeit fast ersatzlos streichen. Gleichzeitig sieht er sich als »Vater der Befruchtung«. Elon Musk hält die niedrige Geburtenrate für einen »nationalen Notfall«. Man züchte schließlich auch Pferde«, sagt Musk. Schuld daran seien, so J.B. Vance, die »kinderlosen Linken«, damit meint er selbstständige und selbstbewusste Frauen. Trump verhält sich wie ein gewalttätiger Partner in einer missbräuchlichen Beziehung.[3] Er behandelt Menschen wie seelenlose Sachen. Adorno beschreibt das mit dem Begriff »Verdinglichung«. Zehntausende Staatsbedienstete werden ohne Vorwarnung entlassen. Man kann auf der Straße aus dem Auto herausgezerrt, festgenommen, abgeschoben und in Straflager deportiert werden, ohne dass ein Gericht eingeschaltet wird. Menschen fürchten sich, ihre Meinung zu äußern, wenn sie dem Präsidenten nicht passt. Trump führt einen Kreuzzug gegen die Wissenschaft, will nahezu alle Umweltschutzbestimmungen von Joe Biden auflösen. Er leugnet objektive wissenschaftliche Erkenntnisse wie den menschengemachten Klimawandel und das Artensterben, steigt aus dem Pariser-Klimaabkommen aus, streicht die Investitionen in erneuerbare Energien. Sein Angriff auf die Wissenschaft ist auch ein Angriff auf die Gesundheit der Amerikaner. Trump lässt Forschungsinstitute schließen, die seit über 50 Jahren die Gesundheitsrisiken von Arbeiterinnen und Arbeitern in Amerika untersuchen, Studien etwa zu Alzheimer, zum Herzinfarkt Risiko oder zur Krebstherapie bei Kindern liegen auf Eis oder werden komplett gestrichen. Jahrzehnte lang gesammelte Forschungsdaten verschwinden. Trump begnadigt ca. 1500 Kapitol-Stürmer, auch Gewalttäter, die teilweise bis zu 15 Jahre Haft verurteilt wurden und führt gleichzeitig die Todesstrafe auf Bundesebene wieder ein. Der US-Präsident macht Witze über eine dritte Amtszeit. Jetzt hat der republikanische Abgeordnete an Andy Ogles einen Antrag auf eine Verfassungsänderung eingereicht. Trump meint es aber ernst.

Passiert das tatsächlich gerade in Amerika? Ist das real?

»Trump 2.0« habe »System« und eine Ideologie, »alles hat sich ins Gegenteil verkehrt«, freut sich der russische Radikalnationalist und Vordenker Putins, Alexandr Dugin. Dugin lobt die amerikanische »Revolution« und preist den »Zusammenbruch der liberalen Weltordnung«.[4] »Bei Trump sind die Kleinen Verhandlungsmasse – auch wir Europäer,«[5] bemerkt Claudia Major, Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen des German Marshall Fund. Eine neue geopolitische Epoche der Geschichte beginnt. Was wir gerade erleben ist die Zerstörung der regelbasierten Welt, wie sie nach 1945 mühevoll aufgebaut wurde. Trump ist dabei das Finanzsystem umzubauen. Krypto könnte langfristig eine neue, autoritäre, post-staatliche Ordnung ermöglichen, da autoritäre Staaten Kryptowährungen ähnlich wie Verbrecher nutzen.

Wenn Trump die USA zu der »Krypto-Superpower« der Welt machen will, hat er insbesondere windige Spekulationen um den Krypto-Coin von Donald und Melania Trump im Auge. Die Vereinigten Staaten haben die Seiten gewechselt, sie sind Partner von nationalistischen Autokraten. Für den Historiker Heinrich August Winkler »befinden wir uns in der Anfangsphase einer neuen Ost-West-Spaltung, wobei sich autoritäre bis neototalitäre Staaten und liberale Demokratien gegenüberstehen. […] Wir stehen am Beginn einer höchst gefährlichen Phase der Weltgeschichte.«[6] Autokraten. Trump und Musk wollen zudem ihr autoritäres System nach Europa exportieren. Die US Die US-Regierung hat nun die Entscheidung des deutschen Verfassungsschutzes, die gesamte AfD als »gesichert rechtsextrem« einzustufen, scharf verurteilt. Außenminister Marco Rubio postete auf X, Deutschland sei »keine Demokratie, sondern eine verkappte Tyrannei«, wenn der »Inlandsgeheimdienst« die Opposition überwache. AfD und Putin jubeln.

Mit dem weltweiten Aufstieg nationalistischer, autoritärer Bewegungen geht eine neues Interesse an dem Begriff Faschismus einher. Faschismus ist für Jason Stanley eine ständige Versuchung. Wovor Stanley warnt, ist nicht die Wiederkehr des historischen Faschismus, aber vor »faschistischen Taktiken«. Die von ihm skizzierten Charakteristika sind der kleinste gemeinsame Nenner faschistischer Bewegungen. Umberto Eco, der unter Mussolini aufgewachsen ist, erarbeitete eine ähnliche Liste von 14 Merkmalen, den Kern des Urfaschismus[7], die denen von Stanley entsprechen.

Für Stanley ist Faschismus ein »Spektrum-Konzept«[8]. Das heißt, dass eine politische Ideologie mehr oder weniger stark faschistisch sein kann, je nachdem, wie viele Merkmale des Faschismus sie in sich vereint. Egal ob Orbán in Ungarn, Putin, Trump in den USA, Bolsonaro in Brasilien oder Chrupalla und Weidel in Deutschland – auch wenn sich die Politik der Genannten im Detail unterscheide, handle es sich doch in allen Fällen um faschistische oder zumindest faschistoide Politik. Putin, so Stanley, ist das klarste Beispiel eines Faschisten seit Hitler und Mussolini. Dass nicht alle Wählerinnern und Wähler von rechten Parteien und Kandidaten von dieser Ideologie überzeugt sind, sei ebenfalls nicht neu. »Die meisten Mitglieder der NSDAP waren keine überzeugten Nazis«, sagt Stanley. »Faschisten gewinnen immer mithilfe von Menschen, die sich nicht als Faschisten sehen, so etwa religiöse Gruppen oder Wirtschaftstreibende.« [9] Auch jetzt werde Trump immer stärker von Unternehmern unterstützt, die sich von ihm Deregulierung und niedrigere Steuern erhoffen.

Stanley ist es in seinem Werk ein Anliegen, Faschismus zu enthistorisieren und stattdessen als politische Möglichkeit zu begreifen, die jederzeit überall eintreten könne. Dadurch werde der Begriff Faschismus zu einem Konzept der politischen Theorie transformiert, das ist erlaube, ganz unterschiedliche politische Entwicklungen zu analysieren. Andersartige Versuche der politischen Einflussnahme würden so sichtbar und könnten in ihrer Gefährlichkeit erkannt werden. Im Umgang mit der Wahrheit entscheide sich letztlich, ob faschistische Politiken Aussicht auf Erfolg hätten oder nicht.

Stanleys Buch handelt von den gemeinsamen Merkmalen faschistischer Bewegungen und Taktiken, von sich wiederholenden Mustern, Weichenstellungen, Tendenzen von Normalisierungen im öffentlichen Raum. Stanley geht es darum, dass wir diesen Sog frühzeitig erkennen – uns dem Sog seiner Normalisierung widersetzen. Die Abstimmung am 29.01.25 im deutschen Bundestag war womöglich so ein Tag der Normalisierung. »Mir ist es völlig gleichgültig, wer diesen Weg politisch mitgeht. Ich gehe keinen anderen». Migration und Kriminalität bei Flüchtlingen sind die Lieblingsthemen einiger Medien[10] und von Konservativen bis nach rechts außen. Damit zielt man direkt auf Affekte und Ressentiments der Wähler und kann Wahlen gewinnen. Im aktualisierten Vorwort, noch vor der erneuten Wahl Donald Trumps zum Präsidenten, meint Stanley, seine »Lehren von damals« hätten heute »eine Dringlichkeit erreicht«, die er »selbst nicht vorhersehen konnte« (19). Die liberale Demokratie sei »selbst in ihren ehemaligen Bollwerken auf dem Rückzug – seit Mitte des 20. Jahrhunderts« sei »sie nicht mehr dermaßen gefährdet« (27).

»Hinter dieser transnationalen, ultranationalistischen Bewegung«, so Stanley, stünden »die Kräfte des Kapitals«. Technologieriesen profitierten ebenso wie die Medien von dem dramatischen Aufeinandertreffen von »Freund und Feind«. (28) Gleichsam freuten »sich Ölkonzerne, wenn ultranationalistische Bewegungen Klimaschutzvereinbarungen wie das Pariser Abkommen als Bedrohung der staatlichen Souveränität« darstellten. »Je schwächer einzelne Länder und internationale Verträge werden, desto größer wächst die Macht multinationaler Unternehmen.« (27) Google, Meta, Apple und Amazon gehören nicht nur zu den wertvollsten Unternehmen der Welt, sie verfügen auch über die größte digitale Marktmacht.

Stanleys These lautet, dass der Faschismus »keine neue Bedrohung darstellt, sondern vielmehr eine ständige Versuchung ist«. (29) Er folgt damit Theodor W. Adorno These: »Der Faschismus ist als Rebellion gegen die Zivilisation nicht einfach eine Wiederholung des Archaischen, sondern dessen Wiedererzeugung in der Zivilisation durch die Zivilisation selbst.«[11]

Wenn Stanley von »Faschismus« spricht, meint er den »Ultranationalismus jeglicher Couleur (ethnisch, religiös, kulturell), […] wobei die Nation durch einen autoritären Anführer vertreten wird, der in ihrem Namen spricht.« »Faschistische Politik« müsse auch »nicht zwangsläufig zu einem explizit faschistischen Staat führen;« gleichwohl sei sie »gefährlich« (33). Sie umfasse »eine Vielzahl unterschiedlicher Strategien. Einzelne Elemente seien »legitim und manchmal gerechtfertigt«, wenn sie aber in einer Partei oder politischen Bewegung zusammenkämen, seien sie gefährlich, vor allem dann, wenn sie Teile der Bevölkerung entmenschlichten (34).

»Das berechnendste Symptom faschistischer Politik« sei »die Spaltung«. Kommunisten setzten auf die »Klassenunterschiede, Faschisten auf ethnische oder religiöse Differenzen« (35). Letztendlich schaffe faschistische Politik mit Hilfe von Geschichtsrevisionismus, mythischer Erzählungen, Propaganda und Anti-Intellektualismus, »einen Zustand der Unwirklichkeit, worin Verschwörungstheorien und Fake-News eine vernünftige Debatte« ersetzten. Stanley analysiert zehn Strategien faschistischer Politik.

1. Die Verklärung einer mythische Vergangenheit

»Make Amerika Great Again« (MAGA). Faschistische Mythologisierungen teilten eine gemeinsame Struktur, in der eine extreme Auslegung der patriarchalen Familie dominiert. Gemäß der Rhetorik extremer Nationalisten sei die glorreiche Vergangenheit durch die Demütigungen des Globalismus und liberaler Werte wie Gleichheit verloren gegangen, »die der Globalismus, der liberale Kosmopolitismus und die Achtung »universeller Werte« wie der Gleichheit mit sich brachten« (39). Diese Mythen basierten auf Fantasien über eine nicht existierende Homogenität in der Vergangenheit, die angeblich in den Traditionen ländlicher Regionen fortbestehe, unberührt von der liberalen Dekadenz der Städte (40).

2. Propaganda ohne Rücksicht auf Wahrheit

Eine Politik, die einer großen Gruppe von Menschen schade, sei schwer durchsetzbar. Um die Menschen hinter verwerflichen Ambitionen zu vereinen, nutze die Propaganda die Sprache hoher Ideale (57). Liberal-demokratische Ideale würden oft als Deckmantel genutzt, um sie selbst zu untergraben (63). Ein Zitat aus dem Jahr 1935, das häufig Joseph Goebbels zugeschrieben wird, besagt, dass es ein Witz der Demokratie sei, ihren Todfeinden die Mittel zur Vernichtung zu geben.

3. Anti – Intellektualismus, der sich gegen Eliten und Wissenschaft richtet

»Faschistische Politik«, so Stanley, wolle »den öffentlichen Diskurs zersetzen, in dem sie Bildung, Fachwissen und Sprache« abwerte, wodurch »nur noch Macht und Gruppenzugehörigkeiten übrig« blieben (67).

Wie in Russland und Osteuropa sei der Angriff auf die Gender Studies ein fester Bestandteil der rechtsextremen Bewegung in den USA. »Diese Sichtweise«, meint Stanley, werde »vielfach als Kulturmarxismus verspottet«. In der Presse würden studentische Proteste fälschlicherweise als Ausschreitungen eines »undisziplinierten Mobs und als Bedrohung der bürgerlichen Ordnung« dargestellt (84).

4. Die Konstruktion einer Unwirklichkeit

Ein faschistischer Anführer könne die Wahrheit durch Macht ersetzen und ohne Konsequenzen falsche Behauptungen aufstellen. Faschistische Politiker nutzten spezielle Techniken und Verschwörungstheorien, um Informationsräume zu destabilisieren und die Realität zu verzerren (85).

5. Die Betonung gesellschaftlicher Hierarchien

Die faschistische Ideologie nutze die menschliche Neigung aus, die Gesellschaft hierarchisch zu strukturieren. Dabei werde stets die Natur als Hauptbeweis für die Existenz solcher Hierarchien herangezogen. So werde behauptet, dass die Natur den Mann über die Frau und die Mitglieder einer, als überlegen betrachteten Nation über die Angehörigen anderer Gruppen stellt (104).

6. Die Hervorhebung der eigenen Opferrolle

In seinem 2013 veröffentlichten Buch Angry White Men: Die USA und ihre zornigen Männer konstatiert Michael Kimmel, Professor für Soziologie an der Stony Brook University in New York: […] »ein seltsames Merkmal der neuen Legionen zorniger weißer Männer. Obwohl sie auf dieser Welt immer noch die größte Macht und Kontrolle haben, fühlen sie sich als Opfer.« Ihre Gedanken sein »außerdem von einer seltsamen nostalgischen Sehnsucht nach einer vergangenen Welt geprägt, in der ein Mann nur durch harte Arbeit und Engagement einen Platz in der Elite der Nation erobern konnte.« (121)

7. Der ständige Ruf nach Recht und Ordnung abseits von verfassungskonformer Rechtsstaatlichkeit.

Im Jahr 1989 wurden fünf schwarze Teenager – die »Central Park Five« – wegen der Gruppenvergewaltigung einer weißen Joggerin im New Yorker Central Park verhaftet (129). Donald Trump schaltete damals in mehreren New Yorker Zeitungen ganzseitige Anzeigen. Darin bezeichnete er die Teenager als »durchgedrehte Außenseiter« und forderte ihre Hinrichtung. Im Anschluss stellte sich heraus, die »Central Park Five« waren unschuldig.

In den USA habe Donald Trump mit der Forderung nach der Ausweisung »krimineller Ausländer« schließlich die Präsidentschaft gewonnen (132). Trump führte seinen »Recht-und-Ordnung«-Wahlkampf hingegen zu einer Zeit, »in der die Gewaltverbrechensrate so niedrig war wie noch nie zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten« (135).

8. Das Spielen mit sexuellen Ängsten und Vergewaltigungsfantasien

Faschistische Propaganda schüre die Angst vor ethnischer Durchmischung und der Bedrohung einer ›reinen Nation‹ durch ›minderwertiges Blut‹. Hitler zufolge steckten Juden hinter einer Verschwörung, bei der schwarze Männer arische Frauen vergewaltigen sollten, um die ›weiße Rasse‹ zu vernichten (146). »In den USA ist der arglistige Vergewaltigungsvorwurf einer der größten Kunstgriffe, die der Rassismus erfunden hat«. (147). Trump begann seinen Wahlkampf bekanntlich damit, dass er mexikanische Immigranten in den Vereinigten Staaten als Vergewaltiger brandmarkte (149).

9. Sodom und Gomorra: Die Verklärung des Landlebens und die Verachtung für dekadente Städte.

Im zweiten Kapitel von Mein Kampf, Wiener Lehr- und Leidensjahre, gehe es um HitlersErfahrungen in der größten und weltoffensten Stadt Österreichs (Hitler, A. 1937, S. 23). Hitlerschildere Wien als eine von Juden kontrollierte Stadt, die die »traditionelle deutsche Kultur zugunsten eines ekelhaft dekadenten Abklatsches verhöhnt und beleidigt; auch beklagt er den Mangel an Nationalstolz dort. Hitlerverachtet Wien wegen seiner Weltoffenheit« (157) […] und »der Vermischung verschiedener kultureller und ethnischer Bevölkerungsgruppen« (158). Der Faschismus richte sich »gegen Finanzeliten, ›Kosmopoliten‹, Liberale sowie religiöse, ethnische und sexuelle Minderheiten«, die oft städtisch geprägt sind. Daher seien Städte ideale Symbole für die klassischen Feinde faschistischer Politik (165). So sah auch der überaus populäre Oswald Spengler das Abendland seit dem 19. Jahrhundert in einem Zustand einer zivilisatorischen Dekadenz als Ergebnis von Modernisierung und Globalisierung. (Spengler, O. 1923, S. 41ff.)

Heute werden Intellektuelle und Wissenschaftler von Rechtsnationalen, wie Alexander Gauland, als »urbane Akademikerklasse«, »Kosmopoliten« oder als »Globalisten« beschimpft, die keine Heimat hätten und überall zu Hause seien. Seine Repräsentation findet Gauland vor allem im »links-grün versifften« 68er-Deutschland. Ihre Mitglieder lebten »ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch« und blieben »sozial unter sich«, seien »aber kulturell bunt«. Sie fühlten sich als »Weltbürger« und träumten »von der one world und der Weltrepublik«. Es seien die »Globalisten«, die »den inneren Frieden, den Rechtsstaat, die soziale Sicherheit und die Gleichberechtigung der Frau sowie die Meinungs- und Religionsfreiheit bedrohten«.[12]

»Es ist eine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinanderhetzt. Es sind das die Menschen, die überall und nirgendwo zu Hause sind, die nirgends einen Boden haben, auf dem sie gewachsen sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen in Brüssel sein können, übermorgen in Paris, dann wieder in Prag oder in Wien oder in London, die sich überall zu Haus fühlen.«[13]

Diese Sätze stammten von Hitler. Er sagte sie am 10. November 1933 vor Arbeitern in Berlin in Siemensstadt. Ein Twitter-User entdeckte Parallelen zwischen dem Kommentar von Gauland und der Rede Hitlers.

10.  Arbeit macht frei. Die Teilung der Gesellschaft in die angeblich Fleißigen und Faulen.

In der faschistischen Ideologie behalte sich der Staat in Krisen- und Notzeiten die Unterstützung für die Mitglieder der auserwählten Nation vor – für »uns« und nicht für »sie«. Dies führe zu einer utilitaristischen Teilung der Gesellschaft in die angeblich Fleißigen und Faulen und Kriminellen, die Stanley unter dem provokanten Kapiteltitel »Arbeit macht frei« beschreibt. (170).[14]

Jason Stanley macht zum Schluss seiner Studie deutlich, wie weit die Normalisierung bereits vorangeschritten ist (195). Sozialwissenschaftliche Forschungen zeigten, »dass Einschätzungen zur Normalität« […] »von dem beeinflusst werden, was die Menschen für statistisch unauffällig halten« (196). Dabei spielen das soziale Umfeld und die Medien eine große Rolle. Dies sei auch, so Stanley, »ein zentrales Thema der 1957 erschienenen Memoiren meiner Großmutter Ilse Stanley, Die Unvergessenen.«(196). »Sie blieb bis zum letztmöglichen Moment, im Juli 1939, in Berlin, um im Untergrund weiterarbeiten zu können. Von 1936 bis zur Reichskristallnacht wagte sie sich, als Nazi-Sozialarbeiterin verkleidet, in das Konzentrationslager Sachsenhausen und rettete dort, einen nach dem anderen, (412 Menschen, d. Verf.) hunderte Juden vor dem Tod. In ihrem Buch schildert sie das Missverhältnis zwischen den extremen Zuständen, die sie im Konzentrationslager erlebte, einerseits und der Leugnung des Ernstes der Lage und ihrer Normalisierung durch die jüdische Gemeinde in Berlin andererseits. Sie bemühte sich, ihre Nachbarn von der Wahrheit zu überzeugen« (196).

Die politisch Entwicklung, insbesondere in den USA, hat Stanleys Befürchtungen bestätigt. Die von ihm untersuchten gemeinsamen Merkmale faschistischer Bewegungen und Strategien faschistische Politik treffen auf das heutige Amerika zu. Sie entsprechen auch den Merkmalen des autoritären Charakters, wie sie in den Studien der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer analysiert wurden. Laut einer Umfrage von ABC News vom Oktober 2024 betrachteten 49% der amerikanischen registrierten Wähler Trump als »Faschisten«, definiert in der Umfrage als »einen politischen Extremisten, der versucht, als Diktator zu agieren, individuelle Rechte missachtet und Gewalt gegen ihre Gegner bedroht oder Gewalt anwendet«[15]. Im Umgang mit der Wahrheit entscheide sich für Stanley letztlich, ob faschistische Politiken Aussicht auf Erfolg hätten oder nicht.

Stehen wir an der Schwelle zu einem autoritären Zeitalter? Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute unter irgendeiner Form illiberaler Herrschaft. Was in Russland bereits eingetreten ist, geschieht jetzt in Amerika, vielleicht bald in Europa – der Weg in die Autoritarismus. »Wir sind ein guter Indikator dafür, wohin die Welt geht«,[16] sagt der preisgekrönte Redakteur bei The Atlantic David Graham. Auch in Deutschland findet seit Jahrzehnten eine Normalisierung rechtsextremen Gedankengutes statt. Dies zeigen die Leipziger Autoritarismus Studie und die Mitte-Studie. Kopiert und Kooperiert die CDU mit Rechtsextremisten, wie zuvor schon andere konservative Parteien in Europa, droht sie in Bedeutungslosigkeit zu versinken. »Jetzt können wir herausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten.« Dieser Imperativ ist in Deutschland immer mehr zu hören oder auf Demonstrationen zu lesen.

Stanley sieht die liberale Demokratie »selbst in ihren ehemaligen Bollwerken auf dem Rückzug – seit Mitte des 20. Jahrhunderts« sei »sie nicht mehr dermaßen gefährdet« (27). Stanley geht es darum, dass wir die Mythen des Faschismus frühzeitig erkennen und uns dem Sog seiner Normalisierung widersetzen. Jason Stanley’s Wie Faschismus funktioniert ist ein wichtiges Buch für die nächsten Jahre.

Anmerkung:

Bei der Nennung allgemeiner Personenbezeichnungen verwende ich hier und im Folgenden das generische Maskulinum, es sind aber stets alle Geschlechter gemeint

Literatur:

Hitler, A. (1937). Mein Kampf, München, Zentralverlag der NSDAP.

Spengler, O. (1923). Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, Erster Band, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung.

Stanley, J. (2018).  Wie Faschismus funktioniert. Westend Verlag.


[1] Stanley, J.: Antisemitismus in Deutschland. An die Berliner Demonstranten, Die Zeit, 05.08.2014, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/an-die-berliner-demonstranten-ein-aufruf-von-jason-stanley-13081037.html

[2] Brockschmidt, A.: Leugnung, Ausgrenzung und Auslöschung, Geschichte der Gegenwart, https://t.co/slEPI4k2O4.

[3] Haas, M.: Kein Baby, bitte, SZ vom 26./27. April 2025. S. 5.

[4] Schmidt, F.: Sonne, Mond und Trump, FAZ, 20.03.25, S. 3.

[5] Zit. bei: Schäuble, J. Amerika nähert sich Russland an, Tagesspiegel 10.03.25,   https://www.tagesspiegel.de/internationales/amerika-nahert-sich-russland-an-bei-trump-sind-die-kleinen-verhandlungsmasse–auch-wir-europaer-13337176.html

[6] Winkler, H. A.: Hier stehen am Beginn einer höchstgefährlichen Phase der Weltgeschichte, Die Zeit Nr. 50, 28.11.2024, S. 45.

[7] Grünn, V.: 14 Elemente des Ur-Faschismus nach Umberto Ecco, 17.10.2017, Presenzza, https://www.pressenza.com/de/2017/10/14-merkmale-des-ur-faschismus-nach-umberto-eco/

[8] Horntrich, P. M.: Die zehn Merkmale des Faschismus, Der Standard, 02.09.2024, https://t.co/CssLB0IgOY

[9] Ebd.

[10] Maurer, M., Jost, P., Kruschinski, S. und Haßler, J. (2021). Fünf Jahre Medienberichterstattung über Flucht und Migration. Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Institut für Publizistik.https://www.stiftung-mercator.de/content/uploads/2021/07/Medienanalyse_Flucht_Migration.pdf

[11] Adorno, T.W. (1970). Die Freud’sche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda, Psyche, Zeitschrift für Psychoanalyse 24: 486–509, https://pdfcookie.com/documents/die-freudsche-theorie-und-die-struktur-der-faschistischen-propaganda-theodor-w-adorno-nvogxozzkd28

[12] Gauland, Alexander: Warum muss es Populismus sein? FAZ, 06.10.2018, S, 8.

[13] https://archive.org/details/youtube-_0V_xf3OQgM, letzter Zugriff: 14.09.2018.

[14] Die Nazi-Ideologie habe sich auch die einzigartige Arbeitsethik der Deutschen zunutze gemacht, um sich von den „faulen parasitären Juden“, „gegen all diejenigen, die keine Werte schaffen, die ohne geistige und körperliche Arbeit hohe Gewinne erwirtschaften […] gegen die Bonzen im Staat“, abzuheben. Jason Stanley: Der Wahn der Überlegenheit, Die Zeit Nr. 24./2018, 07.06.2018, https://www.zeit.de/2018/24/68er-generation-nationalsozialimus-kapitalismus-scheitern

[15] https://abcnews.go.com/Politics/donald-trump-fascist-concerns-poll/story?id=115083795

[16] https://spectrumlocalnews.com/nc/charlotte/podcasts/2025/04/22/david-graham—the-project–how-project-2025-is-reshaping-america-