Antisemitismus und kulturelle Codes

Antisemitismus und kulturelle Codes

26. Mai 2026 0 Von Uli Gierse
Der Begriff des „kulturellen Codes“ gehört zu den zentralen Konzepten der modernen Kultur-, Medien- und Sozialtheorie. Er bezeichnet jene historisch und gesellschaftlich erzeugten Bedeutungsstrukturen, durch die Menschen ihre Umwelt interpretieren, soziale Zugehörigkeit herstellen und politische oder moralische Wirklichkeiten verständlich machen. Kulturelle Codes wirken dabei meist implizit: Den Mitgliedern einer Gesellschaft erscheinen sie nicht als künstlich konstruierte Regeln, sondern als selbstverständlich, natürlich oder intuitiv gegeben.

Das hat die AfD gut verstanden. Die AfD legt es geradezu darauf an, NS-affine Codes zu reproduzieren und wenn sie dafür kritisiert wird, leugnet sie den Zusammenhang. Aus Anlass des 100-jährigen Bestehen des Bauhauses in Weimar und Dessau spricht die AfD von „Traditionsvernichtung“ und kritisiert, dass in der Bauhaus-Architektur und dem Design „das menschliche Bedürfnis nach Geborgenheit und Behaglichkeit nach allen Regeln der Kunst vergewaltigt“ werde. Die AfD ist sehr geschichtsaffin und pickt sich Codes raus, die die Eingeweihten kennen und die andere für harmlos halten. Das gilt auch für die aktuelle Kampagne im Wahlkampf von Sachsen-Anhalt, deutsch zu denken. Schon 1938 tauchte der Ausdruck in einer Rede von Adolf Hitler auf. Natürlich weiß die AfD das.

Um zu verstehen, wie ein jahrhundertealter Hass im 20. Jahrhundert zu einer tödlichen Praxis mutieren konnte, lohnt sich deshalb ein Blick in die Werkzeugkästen von Roland Barthes, Umberto Eco und Pierre Bourdieu. Sie zeigen uns, wie Zeichen funktionieren, wie Kommunikation Sinn stiftet und wie soziale Macht reproduziert wird – bevor die Historikerin Shulamit Volkov dieses Instrumentarium kongenial auf den modernen Antisemitismus anwendet.

Roland Barthes: Der kulturelle Code als Mythos

Der französische Semiotiker Roland Barthes entwickelte seine Theorie kultureller Codes insbesondere in seinem Werk Mythen des Alltags (1957). Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die klassische Zeichentheorie, nach der ein Zeichen aus einem Signifikanten (der äußeren Zeichenform) und einem Signifikat (dem gedanklichen Bedeutungsinhalt) besteht.

Barthes erweitert dieses Modell um eine zweite, verhängnisvolle Ebene: Zeichen besitzen nicht nur eine unmittelbare, sachliche Bedeutung (Denotation), sondern transportieren immer auch eine unterschwellige, ideologische Bedeutung (Konnotation). Kultur produziert fortlaufend solche Bedeutungsüberschüsse. Ein alltägliches Bild – ein Soldat, eine bestimmte Automarke oder eben auch die Karikatur eines Menschen – verweist im code-trainierten Gehirn des Betrachters sofort auf abstrakte Konzepte wie Patriotismus, Modernität oder das vermeintlich „Zersetzende“.

Der kulturelle Code fungiert bei Barthes somit als ein Mechanismus der Ideologisierung. Er vollbringt das Kunststück, historische, gemachte und hochgradig politische Verhältnisse in scheinbar naturgegebene Tatsachen zu verwandeln. Gerade diese Unsichtbarkeit macht den Mythos so wirksam: Die gesellschaftliche Ordnung – oder das kollektive Feindbild – erscheint vollkommen plausibel, weil ihre Codes nicht mehr als Konstruktionen entlarvt werden.

Umberto Eco: Codes als Voraussetzung von Kommunikation

Während Barthes vor allem die ideologische Funktion seziert, versteht Umberto Eco den Code primär als die Infrastruktur jeglicher Kommunikation. Für Eco besteht Kultur grundsätzlich aus Zeichenprozessen. Verständigung ist überhaupt nur möglich, weil Sender und Empfänger über ein gemeinsames Reservoir an Codes verfügen, das festlegt, wie ein Zeichen zu interpretieren ist. Dass eine rote Ampel „Stopp“ bedeutet, ist nicht naturgegeben, sondern das Ergebnis einer kulturellen Übereinkunft.

Entscheidend für unsere Fragestellung ist jedoch Ecos Erkenntnis, dass Codes niemals vollständig stabil, starr oder universal sind. Unterschiedliche soziale Gruppen verfügen über unterschiedliche kulturelle Kompetenzen. Daraus ergeben sich konkurrierende Lesarten. Kultur ist kein geschlossenes System, sondern ein dynamisches, oft kampfbetontes Feld konkurrierender Codierungen. Politische Konflikte sind daher fast immer auch Konflikte um Bedeutungszuweisungen. Wenn ein gesellschaftliches Milieu in einer Krise nach Sündenböcken sucht, greift es auf jene Codes zurück, die im eigenen Kreis die größte Plausibilität besitzen und am schnellsten Sinn stiften.

Pierre Bourdieu: Kulturelle Codes und symbolische Macht

Mit Pierre Bourdieu verschiebt sich die Diskussion von der Zeichentheorie in die harte Sozialtheorie. Ihn interessiert weniger, wie Zeichen aufgebaut sind, sondern welche soziale Funktion sie erfüllen. In seinen Arbeiten über den Geschmack und die feinen Unterschiede zeigt Bourdieu, dass kulturelle Vorlieben keineswegs rein individuelle Entscheidungen sind. Vielmehr fungieren sie als soziale Marker, durch die gesellschaftliche Gruppen sich voneinander distanzieren und Hierarchien etablieren.

Kulturelle Codes äußern sich im Sprachstil, im Musikgeschmack, in der Kleidung – oder eben auch in einer kollektiven, stillschweigend geteilten Abneigung gegen eine Minderheit. Wer die „richtigen“, das heißt die herrschenden Codes beherrscht, verfügt über symbolisches Kapital und soziale Anerkennung.

Zentral ist hierbei Bourdieus Begriff des Habitus: ein System verinnerlichter Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster, das Menschen im Verlauf ihrer Sozialisation unbewusst in Familie und Schule aufsaugen. Kulturelle Codes werden meist nicht gelernt, sie werden gelebt. Sie strukturieren soziale Räume und erzeugen mächtige Mechanismen des Ein- und Ausschlusses. Sie entscheiden darüber, wer dazugehört und wer als „das Andere“ markiert wird.

Shulamit Volkov: Antisemitismus als kultureller Code

Die Historikerin Shulamit Volkov hat diese kulturtheoretischen Vorarbeiten in ihrem bahnbrechenden Aufsatz Antisemitismus als kulturellen Code (1978) für die Geschichtswissenschaft fruchtbar gemacht. Sie untersuchte die Funktion des Judenhasses im Deutschen Kaiserreich des späten 19. Jahrhunderts und kam zu einer radikalen These: Der Antisemitismus dieser Epoche entstand nicht primär aus unmittelbaren, realen Konflikten mit jüdischen Mitbürgern. Vielmehr fungierte er als ein politisch-kulturelles Zeichen, das als Identitäts- und Zugehörigkeitsmarker diente.

Der Antisemitismus war im Kaiserreich keine isolierte, rein auf das Judentum fixierte Weltanschauung. Er war das verbindende Symbolsystem, das ein ganzes Paket an konservativen, nationalistischen, antimodernen und antidemokratischen Positionen schnürte.

Wer sich im Salon oder am Stammtisch antisemitisch äußerte, signalisierte seinen Zuhörern in einem einzigen Atemzug ein ganzes Weltbild: die Ablehnung des Liberalismus, das Unbehagen an der industriellen Moderne, das Misstrauen gegenüber dem Parlamentarismus und ein Bekenntnis zum autoritären Obrigkeitsstaat. Der Antisemitismus wurde zu einer kulturellen Grammatik, an der sich die Mitglieder des rechts-konservativen Lagers gegenseitig erkannten und versicherten.

Hier fließen die Theorien zusammen: Ähnlich wie bei Barthes verwandelt der Code bei Volkov komplexe, angstbesetzte Modernisierungsprozesse in ein griffiges, scheinbar natürliches Feindbild. Und ähnlich wie bei Bourdieu erfüllt er die soziale Funktion der Distinktion und Gruppenbildung.

Volkovs Ansatz zeigt uns, dass politische Ideologien ihre verheerende Wucht nicht durch rationale Parteiprogramme entfalten, sondern durch solche symbolischen Codes. Sie vereinfachen komplexe Wirklichkeiten, laden sie emotional auf und machen sie kollektiv lesbar. Besonders in Zeiten tiefer gesellschaftlicher Krisen – wenn die alte Welt bröckelt und die neue Angst macht – bieten diese gelernten Codes das, wonach das verunsicherte Subjekt sich am meisten sehnt: Orientierung, Identität und ein absolut klares Feindbild.

Wie das genauer funktioniert werde ich demnächst an dem Zusammenhang von kulturellem Code und politischen Ressentiments verdeutlichen.

Hier nur als Appetitanreger: Sieht man durch das Prisma der Produktion von kulturellen Codes, so zeigt sich, dass das Ressentiment im späten 19. Jahrhundert nach einem verlässlichen kommunikativen Vehikel suchte – und es in dem von Shulamit Volkov beschriebenen ‚kulturellen Code‘ fand. Volkovs Analyse des deutschen Kaiserreiches lässt sich präzise als die Geburtsstunde einer kollektiven ‚seelischen Selbstvergiftung‘ lesen. Die durch Industrialisierung und Emanzipation ausgelösten Ohnmachtsgefühle des traditionellen Bürgertums konnten nicht rational verarbeitet werden. Anstatt jedoch die ökonomischen Strukturbrüche des frühen Kapitalismus analytisch zu reflektieren, vollzog sich eine immanente Umwertung der Werte: Der Antisemitismus avancierte zum kulturellen Code, zum ‚Passwort‘ eines Milieus. Wer diesen Code bediente, artikulierte nicht bloß ein Vorurteil, sondern kanalisierte das aufgestaute Ressentiment gegen die Moderne insgesamt. Eigene Abstiegsängste wurden externalisiert und auf ‚den Juden‘ übertragen. Der kulturelle Code ist somit die sprachlich-kulturelle Gerinnungsform des Ressentiments, die es ermöglichte, private Kränkung in ein politisches Identitätsmerkmal zu transformieren.

Beispiel: kulturelle Codes statt offener Aussagen

Jemand muss heute oft gar nicht mehr „die Juden“ sagen. Codes reichen aus, etwa:

  • „Globalisten“
  • „Finanzeliten“
  • „Ostküste“
  • „geheime Netzwerke“
  • „Puppenspieler“
  • „die da oben kontrollieren alles“
  • „imperialistische Kolonialisten“

Natürlich ist nicht jede Kritik am Kapitalismus antisemitisch. Entscheidend ist die Struktur der Erzählung:

Wird Macht personalisiert?
Wird sie als geheime Verschwörung dargestellt?
Wird eine kleine Gruppe als allmächtig imaginiert?

Dann greifen oft antisemitische Traditionsmuster. Antisemitismus als Sognal „Du gehörst zu uns.“ ist jedoch nur ein Beispiel für kulturelles Codes. Gebauso wirken patriarchische Codes, die die männliche Dominanz gegenüber Frauen signalisieren, die Frauen das Gebiet der Carearbeit allein zu schieben, Frauen für zu emotional markieren oder andere sigmatisierende Zuschreibungen. Im Film „Ladies first“ (Netflix) wird das schön karikiert. Immer wenn es darum geht, Gruppenzugehörigkeit in Abgrenzung von anderen zu kennzeichnen, funktioniert der Code. Die Codes wirken besonders stark, weil sie nicht immer ausdrücklich formuliert werden müssen. Sie stecken in:

  • Bildern
  • Medien
  • Witzen
  • Technik
  • Sprache
  • Institutionen
  • Alltagsroutinen

Trotz struktureller Ähnlichkeiten darf man die Ideologien nicht einfach gleichsetzen.

Denn das Patriarchat organisiert primär Geschlechterverhältnisse, Rassismus organisiert ethnische/rassifizierte Hierarchien, Antisemitismus projiziert abstrakte Macht auf „die Juden“. Antisemitismus funktioniert daher anders als klassischer Rassismus:
Juden werden historisch oft nicht als „unterlegen“, sondern paradox als „übermächtig“ imaginiert.