Die Unpolitischen von Magdeburg
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt herrscht eine allgemeine Ratlosigkeit in Berlin und anderswo. Ich will das nicht mit 1932 vergleichen als Ähnliches in Anhalt geschah. Aber ich arbeite gerade an einem Buch über die Frage, warum die Deutschen im Dritten Reich ihre Menschlichkeit verloren und dabei ist mir beim Überarbeiten das folgende Kapitel aufgefallen. Es beschreibt, warum die Deutschen aktiv wie passiv mitmachten.
Warum niemand widersprach
Alles bisher Gesagte erklärt den Apparat, den Willen, die Lage im Krieg und die Überzeugung des Einzelnen. Nichts davon erklärt, was zwischen 1933 und 1945 mit der Mehrheit geschah, die weder befahl noch schoss und die trotzdem gebraucht wurde: die Standesbeamten, die Nachbarn, die Käufer arisierter Geschäfte, die Zuschauer der Novemberpogrome, die Absender der Denunziationen, die Empfänger der Postkarten aus dem Osten, meine Eltern. Die Frage lautet also nicht mehr allein, warum Deutsche mordeten. Sie lautet auch, warum so viele daran keinen Anstoß nahmen. Cynthia Fleury hat dafür in ihrem Buch über das Ressentiment keine Theorie des Holocaust geliefert, wohl aber eine darüber, wie aus individuellem Ressentiment ein kollektives wird, und ihre beiden Gewährsleute sind Wilhelm Reich und Theodor W. Adorno.[i]
Reich dreht die übliche Erzählung um. Nicht der große Führer sammelt die Menge, sondern die Menge stellt sich selbst her, indem ihre Mitglieder etwas aufgeben. Sie entsteht in dem Moment, in dem die Subjekte, die sie bilden, sich ihres Subjekts entledigen, ihrer individuellen Existenz. Sie verzichten zornig darauf, für ihr Leben verantwortlich zu sein, definieren sich als Opfer und werden bald selbst zu Henkern, um angeblich Gerechtigkeit wiederherzustellen.
Was von außen wie Verführung aussieht, ist von innen ein Abgabevorgang von Autonomie und Verantwortung.[ii] Fleury beschreibt das als Formierung von Individuen zu einem Körper, dessen Teile nur durch Ressentiments miteinander verbunden sind und der bewusst einen Führer bestimmt, um den Todestrieb offiziell werden zu lassen. Es bedarf dieses ausgewählten, ja gewählten Anderen, um sich zu gestatten, das zu enthüllen, was zu zeigen man sich lange gescheut hat, weil es so hässlich ist.[iii]
Daraus folgt die Umkehrung, die für unsere Frage entscheidend ist. Der Führer ist nicht die Ursache des Ressentiments. Es wird nicht geschürt, sondern es bekommt eine kollektive Adresse. Das Wiedergekäute liegt vor, was fehlt, ist die Genehmigung, es auszusprechen. Reich macht die Bedeutung der bis dahin Unpolitischen an einer Zahl fest: Hitler habe seinen letzten Schritt zum Sieg im März 1933 durch die Mobilisierung von nicht weniger als fünf Millionen bisheriger Nichtwähler legal durchgeführt.[iv] Nicht die Überzeugten gaben den Ausschlag, sondern die, die vorher zu Hause geblieben waren.
Warum aber identifiziert man sich mit einem, dessen Schwäche schon ein flüchtiger Blick erkennt? Adornos Antwort ist präzise: Die nationalsozialistischen Agitatoren bestreiten jeden Anspruch auf Überlegenheit. Sie geben zu verstehen, dass der Führer schwach ist wie seine Brüder, nur wagt er es, das ohne Hemmung zuzugeben, und wird eben dadurch zum starken Mann.[v] Die Identifikation läuft nicht über Bewunderung, sie läuft über Wiedererkennung. Damit kehrt kollektiv wieder, was das Ressentiment individuell auszeichnet: nach außen Stärke, nach innen Unterwerfung. Fleury beschreibt die Beziehung zum Führer als Erweiterung des eigenen schwachen Selbst, jenes falschen Selbst, das nun endlich all seine triebhaften Dämonen annehmen darf, ohne dass jemand es daran hindert. Reich kommt zum selben Ergebnis und zieht daraus den Satz, der die Debatte über das Charisma auf den Kopf stellt: Je hilfloser ein Massenindividuum durch seine Erziehung geworden ist, desto stärker prägt sich die Identifizierung mit dem Führer aus.[vi] Nicht das Charisma erzeugt die Gefolgschaft, die Gefolgschaft erzeugt das Charisma.
Jeder Nationalsozialist fühlte sich in seiner psychischen Abhängigkeit als kleiner Hitler. Das ist der Schlüssel zum Mitmachen. Wer mitmachte, unterwarf sich nicht bloß, er bekam einen Anteil an einer Größe, die ihm sein eigenes Leben verweigerte. Der Blockwart, der Denunziant, der SA-Mann vor dem Schaufenster erlebten sich nicht als Handlanger, sondern als Träger. Und Reich fügt die Beobachtung an, die daraus folgt: In voller Identifizierung mit dem Führer befangen, empfanden die Anhänger die Verachtung nicht, mit der die Führung sie selbst belegte. Wer im Namen des Starken spricht, hört nicht mehr, was der Starke über ihn sagt. Paxton hat dieselbe Operation im großen Format beschrieben, in den Massenzeremonien zur Affirmation von Konformität, und Fleury fügt hinzu, wozu diese Aufmärsche dienten: den Menschen des Ressentiments zu renarzissieren.[vii] Wer dort stand, war Teil von etwas, das ihn übertraf.
Adorno liefert eine zweite Bestimmung, und sie verbindet das kollektive Ressentiment mit dem individuellen. Er nennt den Faschismus eine Diktatur Verfolgungswahnsinniger, die alle Verfolgungsängste ihrer Opfer verwirklicht.[viii] Der Satz ist dichter, als er aussieht. Das Ressentiment ist eine Verfolgungskrankheit: Man hält sich für das Ziel einer äußeren Verfolgung, definiert sich ausschließlich als Opfer und lehnt in dieser Haltung jede Verantwortung für sich selbst ab. Wird daraus Herrschaft, dann herrschen Menschen, die sich verfolgt fühlen, und sie richten genau das ein, was sie zu fürchten vorgeben.
Die Angst vor der Vernichtung wird zum Vernichtungsprogramm. Was man den anderen zutraut, tut man ihnen an. Das ist nicht bloß eine Pointe, sondern es erklärt eine Auffälligkeit der nationalsozialistischen Sprache, die sonst rätselhaft bleibt: Die Vernichtungspolitik wurde durchgehend als Notwehr formuliert. Die Reichstagsrede von 1939 droht mit der Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa und begründet sie damit, dass die Juden den Krieg herbeiführten. Der Angreifer spricht als Angegriffener, und zwar nicht aus Taktik, sondern weil das Ressentiment die Welt tatsächlich so sieht. Wohin das führt, beschreibt Fleury: Die Verfolgungskrankheit schlägt um in die Lust an der Verachtung. Hat man die eigene Unterwerfung erst für restlos erklärt, dann ist jeder Trieb, den anderen zu zerstören, vollständig gerechtfertigt. Es bleibt ein Rest, ein Wissen darum, dass es auch anders ginge, aber der Mensch des Ressentiments entscheidet sich, diesen Rest nicht zu sehen, weil er ihm Verantwortung abverlangen würde. Es ist bequemer zu hassen als zu handeln.
Damit ist die aktive Hälfte der Mitmacher beschrieben. Die passive ist die schwierigere. Warum widersprach niemand? Die übliche Antwort lautet: aus Angst. Sie ist nicht falsch, aber sie erklärt zu wenig, denn die Furcht vor dem Staat erklärt nicht das Verhalten dort, wo der Staat nicht drohte. Sie erklärt nicht die Nachbarn, die schwiegen, als nebenan die Wohnung verwüstet wurde. Und sie erklärt schon gar nicht die Männer in Józefów, denen der Ausweg ausdrücklich angeboten wurde.
Adorno liefert dafür einen Begriff, den Fleury an dieser Stelle heranzieht: den repressiven Egalitarismus.[ix] Gemeint ist ein Gleichheitszwang innerhalb der Gruppe. Solange alle gleich unterworfen sind, ist die Ordnung stabil. Sobald einzelne meinen, sie könnten zu mehr Individuation schreiten, wird das von den Gruppenmitgliedern gerügt. Man kann nicht ausscheren. Damit sieht die Verweigerung anders aus, als wir sie uns gewöhnlich vorstellen. Widerspruch ist Individuation. Wer widerspricht, behauptet, anders zu urteilen als die Gruppe, und beansprucht damit genau das, was die Gruppe am schärfsten sanktioniert. Die gefürchtete Strafe kommt nicht aus der Gestapo-Zentrale. Sie kommt vom Nebenmann, vom Kollegen, vom Schwager. Und jetzt liest sich Brownings Befund anders. Die Männer in Józefów fürchteten keine juristische Folge, es gab keine. Sie fürchteten, als feige zu gelten, die Kameraden im Stich zu lassen, sich herauszunehmen. Browning nennt das Gruppendruck und lässt es als situative Erklärung stehen. Adorno erklärt, warum dieser Druck so stark war: weil in einer Gemeinschaft, die sich über die gemeinsame Unterwerfung definiert, jede Ausnahme ein Angriff auf alle ist. Wer sich weigert, sagt den anderen, dass sie es auch hätten tun können.
Wie weit das trug, zeigt ein Befund, der die Vorstellung vom allgegenwärtigen Überwachungsstaat zerstört hat. Die Gestapo war klein, für 1937 ist von etwa siebentausend Bediensteten im ganzen Reich auszugehen. Ein Apparat dieser Größe kann ein Volk von siebzig Millionen nicht überwachen. Er musste es auch nicht. Robert Gellately hat gezeigt, dass die wichtigste Ermittlungsquelle der Geheimen Staatspolizei die Anzeige aus der Bevölkerung war, und er spricht von einer sich selbst überwachenden Gesellschaft.[x] Damit fällt die bequemste aller Erklärungen weg. Man kann nicht zugleich sagen, man habe aus Angst vor der Gestapo geschwiegen, und die Gestapo habe von den Nachbarn erfahren, was sie wusste. Die Furcht, von der hier die Rede ist, war nicht Furcht vor dem Staat. Sie war Furcht voreinander. Und man sieht, wie durchlässig die Grenze zwischen aktiv und passiv in Wahrheit ist. Wer anzeigt, tut etwas. Diese Antwort auf die passive Hälfte hat einen unangenehmen Vorzug: Sie funktioniert ohne Terror. Man braucht keine Diktatur, um sie zu erzeugen, sie ist in jeder verschworenen Gruppe wirksam, und sie ist an keine Ideologie gebunden. Die Diktatur hat sie nur nach oben gestülpt und ihre eigene Härte hinzugefügt.
Reich geht noch einen Schritt weiter, und dieser Schritt ist wichtig. Man stellt sich die schweigende Mehrheit gern als abwesend vor, als Menschen, die nichts taten, weil sie sich nicht interessierten. Reich bestreitet das. Das behauptete Unpolitischsein sei weder Neutralität noch Gleichgültigkeit, sondern eine Latenz, das Verbergen des persönlichen Ressentiments, das auf seine Stunde wartet, ohne sich dieser Erwartung bewusst zu sein. Und dann der Satz, der die Sache dreht: Das Unpolitischsein sei kein passiver psychischer Zustand, sondern „ein höchst aktives Verhalten, eine Abwehr des sozialen Verantwortungsbewußtseins“.[xi]
Für unsere Frage heißt das: Keinen Anstoß zu nehmen war kein Unterlassen. Es war eine Leistung, und sie kostet Kraft, sie war Arbeit. Man muss nicht hinsehen, wenn die Nachbarn abgeholt werden. Man muss die Postkarte aus dem Osten so lesen, dass sie nichts bedeutet. Man muss die Herkunft des billig erworbenen Geschäfts nicht wissen wollen. Nichts davon geschieht von selbst, und alles davon geschieht täglich neu. Und diese Arbeit hat eine materielle Seite, die das Nichtwissenwollen erklärt. Die Enteignung der jüdischen Bevölkerung war keine Angelegenheit des Staates allein. Wohnungen wurden frei und neu vergeben, Geschäfte wechselten weit unter Wert den Besitzer, der Hausrat deportierter Familien wurde öffentlich versteigert, in aller Regel im Ort, vor Nachbarn, die die Möbel kannten. Wer dort bot, musste anschließend eine Erklärung dafür haben, wo die Vorbesitzer geblieben waren, oder er musste dafür sorgen, keine zu brauchen. Von der ethischen Amnesie, auf die Goebbels und Hitler sich noch nicht verlassen zu können glaubten, war oben die Rede. Amnesie klingt nach etwas, das einem widerfährt. Es war keine Amnesie, es war eine fortlaufende Abwehr. Das trifft die Formel vom kleinen Mann, der von nichts gewusst haben will, an ihrer Wurzel. Er hat sich nicht herausgehalten. Er hat sich hineingehalten, nur ohne Fahne.
Bleibt die Gruppe, deren Verhalten am schwersten zu erklären ist, die Gebildeten. Der Geniekult erklärt, warum das Bildungsbürgertum sich einem Regime anschließen konnte, dessen Straßenschläger es verachtete. Er erklärt nicht, warum dieselben Leute nicht kommen sahen, was kam. Adorno erklärt es mit einer Bitterkeit, die aus eigener Anschauung stammt. „Zu den Lehren der Hitlerzeit gehört die von der Dummheit des Gescheitseins“, heißt es in der „Dialektik der Aufklärung“, und weiter: „Aus wievielen sachverständigen Gründen haben ihm die Juden noch die Chancen des Aufstiegs bestritten, als dieser so klar war wie der Tag.“[xii] Fleury zieht daraus eine allgemeine Figur. Die Gescheiten halten sich für gefeit, weil sie das Ressentiment für irrational halten und für kontraproduktiv obendrein. Was sie übersehen, ist genau das, was sie zu wissen glauben: dass ein Affekt nicht deshalb schwach ist, weil er unvernünftig ist. Das Ergebnis ist eine Zange. Auf der einen Seite die, die dem Ressentiment unterworfen sind. Auf der anderen die, die zu verliebt in ihre Überlegenheit sind, um das Phänomen zu bemerken. Dazwischen wuchert es. Denn die sachverständigen Gründe, mit denen der Aufstieg des Nationalsozialismus für unmöglich erklärt wurde, hatten alle etwas gemeinsam: Sie waren Argumente über Interessen. Es nützt niemandem. Es schadet der Wirtschaft. Es ist gegen die Vernunft der Beteiligten. Das stimmte sogar. Es war nur die falsche Frage, denn das Ressentiment fragt nicht nach Nutzen. Es fragt nach Entlastung.
[i] Fleury, Cynthia (2023): Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung, Berlin, Abschnitt „Faschismus“, S. 115–191. Fleury spricht dort von Faschismus und meint die deutsche Variante, den Nationalsozialismus.
[ii] Reich, Wilhelm (1974): Die Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt am Main (zuerst Kopenhagen 1933), S. 27–103.
[iii] Fleury, Cynthia (2023), S. 147.
[iv] Reich, Wilhelm (1974), S. 186.
[v] Adorno, Theodor W. (1951): Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 8; hier zitiert nach Fleury, Cynthia (2023), S. 119.
[vi] Reich, zitiert nach Fleury, Cynthia (2023), S. 157 f.
[vii] Fleury, Cynthia (2023), S. 157.
[viii] Adorno, ebenda; Fleury, Cynthia (2023), S. 120.
[ix] Ebenda.
[x] Gellately, Robert (1993): Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933–1945, Paderborn; ders. (2002): Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk, Stuttgart.
[xi] Reich, Wilhelm (1974), S. 151.
[xii] Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung, Teil „Aufzeichnungen und Entwürfe“, Abschnitt „Gegen Bescheidwissen“. Die Stelle wird gelegentlich den „Minima Moralia“ zugeschrieben; sie steht dort nicht.