Einige haben es nicht verstanden:                         Trente Glorieuses ist längst vorbei

Einige haben es nicht verstanden: Trente Glorieuses ist längst vorbei

27. April 2026 0 Von Thomas Ertl

Die „euphorische Epoche zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem neuen Zeitalter des Terrors und der Kriege“ machte außergewöhnliche Lebensläufe möglich. Die Aussage stammt vom öffentlichen ARD-Sender SWR in der Beschreibung von Patti Smiths Leben. Es ist der Verweis auf die Phase bis in 1970er Jahre hinein, die für Kreativität und persönlicher Entfaltungsmöglichkeit steht.  Die poetische „Punkerin“, geb. 1946, hatte ein bewegtes Leben vom amerikanischen Land kommend inmitten New Yorks wilder Kulturszene. Ihr Buch „Just Kids“[1] aus dem Jahr 2010 beschäftigt sich mit ihrem Leben in dieser Zeit insbesondere in der Beziehung zum Fotografen Robert Mapplethorpe und der New Yorker Subkulturmaschine.

Für die Boomer-Generation ist die Lektüre dieser Autobiographie aus dem Jahr 2010 insofern interessant, da die Möglichkeiten des Sichausprobierens in den Trente Glorieuses, den 3 glorreichen Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg, vor und danach nie größer waren. Die Boomer waren in Teilen Zeitzeugen dieser Ära, die mit den 68er Studentenbewegungen ihren kulturellen Höhepunkt hatten. Patti Smith schrieb ein Zeugnis dieser Zeit aus kultureller Perspektive.

Der Begriff „Trente Glorieuses“ hat eigentlich französische Wurzeln, denn der französische Ökonom Jean Fourastié benutzte die Metapher erstmals 1979 in seinem Buch „Les Trente Glorieuses, ou la révolution invisible de 1946 à 1975“. Auch wenn Frankreich hier die Vorlage war; so ähnlich haben sich Gesellschaft und Wirtschaft auch in Deutschland entwickelt. Auf den Trümmern des zweiten Weltkrieges wurde Westeuropa mit einem Reset und US-amerikanischer Hilfe (Marshallplan) in ein beschleunigtes Wachstum katapultiert. Der kommunistische Einfluss durch die Sowjetunion sollte eingedämmt werden: US-Präsident Harry S. Trumans Containment-Doktrin.

Exorbitante Wachstums- und Produktivitätssteigerungen bis hin zur 35-Stundenwoche auf der einen Seite und prosperierenden Wohlstand mit KFZ, TV, HiFi-Anlagen, Kühlschrank und Waschmaschine zeichneten das Bild der „heilen“ Republik. Die Willy-Brandt-Ära (1969 bis 1974) nach den ersten leichten Krisen-Zuckungen in 1967 versuchte sich in „mehr Demokratie“, Vermögensbildung für Arbeitnehmer und Studienmöglichkeiten durch BAföG für weniger privilegierte Kinder. Diese Eckpfeiler standen bis in die 1980er Jahre noch recht stabil. Es konnte gar nicht genug gearbeitet werden. Im Hintergrund wirkte der „kalte Krieg“ zwischen der UdSSR und dem Westen und es war dennoch Genug Geld vorhanden, um einen Rüstungsetat von 3,4 Prozent vom BIP ohne neue Schulden zu stemmen. Die 2-Prozent-NATO-Hürde der letzten Jahre wäre in dieser Zeit einer Kapitulation gleichgekommen.

Die Staatsschulden wurden bereits Anfang 1970er Jahre heiß diskutiert, obwohl die Quote aus heutiger Sicht mit ca. 18% vom BIP und einem Wert von ca. 64 Mrd. EUR (Umrechnung aus DM) gering ausfiel.[2] Die Schuldenaufnahme war moderat und verlief bis Anfang der 1970er Jahre noch recht linear. Zu einem signifikanten Schuldenabbau kam es erst in den 2010er Jahren verbunden mit der Weigerung, Infrastruktur und Wirtschaft zu modernisieren. Dazu weiter unten.

Abbildung 2: Entwicklung der Staatsschulden in Bundesrepublik und Deutschland von 1950 bis 2022

Statista 2026

1.1        Vom Wirtschaftswunder zur Wirtschaftskrise

Von diesen Zeiten träumen noch heute viele Konservative und naive Zeitgenossen. Das exorbitante Wachstum in Westeuropa musst aber so oder so zurückgehen, denn die Haushalte konnten im Konsum mit der Produktion nicht mithalten. Es ging dann nur noch um Verbesserungen in dann längeren Zyklen. Schon die 35-Stunden-Woche war eine Reaktion auf ein Nachlassen wirtschaftlicher Dynamik. Es machte sich ein wenig Arbeitslosigkeit breit. Hinzu kamen neue Wettbewerber aus Asien (Japan und Südkorea), die in Elektronik, KFZ- und Schiffbau immer mehr Weltmarktanteile durch günstigere Produktion gewinnen konnten. Der deutsche Schiffbau litt besonders unter diesen Prämissen und wurde in den 1980er Jahren marginalisiert. Besonders betroffen waren die Stadtstaaten Hamburg und Bremen. Die Entwicklung auf den Weltmärkten nahm zunehmend Einfluss auch auf die deutsche Wirtschaft.

 Ein weiterer Meilenstein der Verunsicherung war der einseitige Austritt der USA aus der Bretton-Woods-Vereinbarung zum US-Dollar. Die Kriege vor allem in Indochina hatten die USA an den Rand liquider Erschöpfung getrieben und das Drucken neuen Geldes konnte nicht mehr von Gold gedeckt werden. US-Präsident Nixon hob die Fixierung zum Gold auf und öffnete damit die Büchse der Pandora: Aufbruch in exzessive Währungsspekulationen, Öffnung von Kapitalmärkten und Dominanz der Finanzindustrie. Die US-Finanzkrise 2008/2009 wurzelte in Kriegen und erratischen Aktionen von Regierungen und der US-Notenbank FED. Die Entkopplung von US-Dollar und Gold geschah in 1971 zwei Jahre vor dem nächsten Schock: Jom-Kippur-Krieg.     

Der Jom-Kippur-Krieg 1973 markiert – wenn auch nicht präzise – das Ende des „Trente Glorieuses“. Der Krieg zwischen Israel und einigen arabischen Staaten war aber erst der Anfang von Energiekrisen und internationalem Terrorismus; ohne auf die Hintergründe weiter einzugehen.

Diese Krise konnte den experimentierfreudigen Boomern noch nicht viel anhaben, denn materieller Wohlstand war nicht das Problem. Es gab relativ wenig Rentner und umso mehr werktätige Bevölkerung. Das Aufstiegsversprechen sowie die enormen Lohnsteigerungen waren noch gültig. Die Wirtschaft prosperierte in einer Weise, dass Millionen von sogenannten Gastarbeitern angeworben wurden, um den industriellen und konsumtiven Bedarf zu decken. Der Jom-Kimpur-Krieg sorgte für eine erste, aber einschneidende Delle in der Aufwärtskurve. Es war nicht mehr als ein Vorbote. Das US-Kriegsende in Vietnam 1975 machte Hoffnung, dass auch die USA die jüngere imperialistische Vergangenheit demokratisch reflektieren würden. Die Watergate-Affäre beginnend 1972 führte 1974 zum Sturz der Nixon-Regentschaft und steht auch heute noch für dieses wankelmütige „Amerika“ zwischen Demokratie und imperialistischem Wahnsinn (Autoritarismus). Auch im Nahen Osten wurden Anstrengungen zur Aussöhnung zwischen den Kontrahenten sichtbar. Es kam sogar zu ernsten Friedensverhandlungen, die aber schlussendlich an Aktionen der Extremisten und nationalistisch-religiösen Zionisten scheiterten; für die US-Rüstungsindustrie sicherlich auch nicht ungelegen.

Die Kriege im Verbund mit Finanzspekulationen sind im Kern das Problem von Staatsverschuldungen und ohnmächtigen Regierungspolitiken. Der gesamte Diskurs um Rentenzahlungen und Sozialstaatsquoten ist reine Rhetorik, um nicht das Problem an der Wurzel packen zu müssen: Den Profiteuren von eben diesen Kriegen und Spekulationen Widerstand zu leisten. Die in Abbildung 1 dargestellte Verschuldung von 2,5 Billionen EUR wäre schon dann nicht mehr vorhanden, wenn 3 Komponenten der letzten 45 Jahre weggefallen wären:

  • Wiedervereinigungskosten: 1,7 bis 2 Billionen EUR (Schätzungen gehen bis 3 Billionen; die Zinsen auf Bundesschatzbriefe betrugen 7 bis 8 Prozent)
  • Finanzkrise: Schätzungen bis 777 Mrd. EUR
  • Covid-19-Pandemie: 440 Mrd. EUR

Die Wiedervereinigung ist ein Ergebnis der aus dem zweiten Weltkrieg resultierten Spaltung Deutschlands. Ein anderes Konzept als die millionenfache Arbeitsplatzvernichtung im Osten Deutschlands zugunsten westdeutscher Unternehmen hätte die Alimentierung (Frühverrentung und Arbeitslosengeld) zumindest deutlich reduzieren können. Der AFD-Aufschwung hängt auch mit diesen Biografien zusammen. Folgende Grafik zeigt den Einfluss externer Schocks auf Staatsschulden und soziale Absicherung in Relation zum BIP. Lediglich die „Ost-Renten“ als Wiedervereinigungskosten hatten einen signifikanten Effekt. Die „Rentenkurve“ stieg an bis zur „Agenda 2010“ und flachte dann ab. Die Staatsschuldenquote stieg bis 2010 an. Danach begann Deutschland mit der Verweigerung notwendiger Ausgaben für Infrastruktur und Bildung.

Um nur ein Beispiel der kleinkarierten Diskussion um Staatsquote, Sozialversicherung und Renten zu präsentieren: Der stellvertretende Chefredakteur vom Hamburger Abendblatt Matthias Iken goutierte in einer Kolumne vom 18. April 2026 das neue Buch von Daniel Stelter[3], der u.a. im Handelsblatt seine Vorstellungen vom Rückbau des Sozialstaates vorstellen darf. Stelter gilt in dieser Gilde als renommierter Ökonom.

„Zahlen, bitte: Die Investitionen der deutschen Unternehmen sinken seit vier Jahren, zuletzt um weitere 3,3 Prozent. In den letzten fünf Jahren ist fast jeder 20. Industriejob weggefallen, in der Autoindustrie sogar jeder siebte. Nur der öffentliche Dienst wächst, vor allem in der Verwaltung, seit 2012 um 14 Prozent. Besser verwaltet werden wir trotzdem nicht. Europäische Spitze ist die Bundesrepublik, so Stelter, mit 41 Prozent der Staatsausgaben bei der „sozialen Sicherung“ oder den Gesundheitskosten, hingegen Schlusslicht bei den Bildungsausgaben.“[4]

Das Wachsen des Staates ist in der Tat ein Problem, das die permanente Überwachung von immer neuen Auflagen und Vorschriften widerspiegelt. Das Thema ist so alt wie die Europäische Union, die in jeder Hinsicht ein Vorbild in Bürokratisierung ist. Das ist aber auch der einzig korrekte Hinweis im Zitat. Die Investitionen in Deutschland sinken seit 2018 und die Industrie verliert auch seit dieser Zeit Arbeitsplätze. Der Verweis auf die letzten Jahre ist fast demagogisch und versucht andere Zusammenhänge herzustellen als den internationalen Wettbewerb und geopolitische Ursachen. Es ist der Fingerzeig gegen die „Ampel-Regierung“, die aber nur für die „Ukraine-Jahre“ von 12/2021 bis 12/2024 verantwortlich war. Wer hat es versäumt Deutschland zu modernisieren? Wo wurde noch per Fax kommuniziert? 

Abbildung 4: Entwicklung Industriearbeitsplätze von 2010 bis 2024

Selbst bei erfolgreicher Digitalisierung wäre Deutschlands nicht ungeschoren davongekommen. Die Aufholbewegung Chinas konnte nicht ohne Wirkung bleiben. Waren es in den 1960er und 1970er Jahren Japan und Südkorea, so ist es jetzt China und demnächst vielleicht auch Indien, dass der deutschen Industrie zusetzen wird. Das Knowhow wurde inzwischen adaptiert, die Lohnkosten sind deutlich niedriger uns es hat einen Staat, der konsequente Industriepolitik in Form von offenen und verdeckten Subventionen betreibt. Aus dem Rückenwind eines aufnahmebereiten Chinas für westliche Produkte ist ein gewaltiger Gegenwind technologischer Innovationen geworden. Es ist eine Wiederholung des Schiffbau-Desasters auf dem hohen Niveau der Automobilproduktion, des Maschinenbaus und der Chemie-Industrie. Damit ist auch die Geschichte der aktuellen Krise erzählt: neuer effektiver Wettbewerb, Vernachlässigung relevanter staatlicher Aufgaben und demografischer Wandel.

Wo die politischen Bremser sich nicht durchsetzen konnten, entstanden neue Sektoren und Arbeitsplätze wie in der Chip- und Mikroelektronik-Industrie, die insbesondere in Regionen wie dem „Silicon Saxony“ (Dresden) auf über 80.000 Jobs angewachsen ist und in Europa den stärksten Chip-Cluster stellt.[5] Ohne staatliche Milliarden EUR wäre auch das nicht möglich gewesen.[6] Zur Erinnerung: Es war die CDU-FDP-Koalition unter Angela Merkel und Guido Westerwelle mit Umweltminister Peter Altmeier, die für eine systematische Schwächung der einst führenden deutschen Solarindustrie sorgte. Es war sogar von rückwirkenden Kürzungen der Einspeisevergütungen die Rede. Investoren wurden regelrecht abgeschreckt, ganz zur Freude chinesischer Konkurrenz.[7]

1.2        Sozialstaat soll verantwortlich sein: echt jetzt?

Matthias Iken und Daniel Stelter beklagen die aktuelle hohe Sozialstaatsquote Deutschlands im internationalen Vergleich. Zugleich bemängeln die beiden zurecht die geringeren Ausgaben für Bildung und Infrastruktur. Und natürlich ist die Staatsverschuldung ein beliebtes Thema.

Abbildung 5: Deutsch Sozialausgaben im internationalen Vergleich

Mehr Ausgaben für Bildung und Infrastruktur lassen sich bei Null-Wachstum ohne Kürzungen von Sozialausgaben/Subventionen nur über Neuverschuldung realisieren. Das ist inzwischen unstrittig und hat sogar Institutionen von Gewerkschaften und Arbeitgeber zusammengeführt: IW und IMF haben 2024 gemeinsam festgestellt, dass der Staat jährlich zusätzlich 60 Mrd. EUR dafür bereitstellen muss und zwar über neue Schulden.

Die 40,6 % Sozialausgaben, also die Quote zum Haushalt, wäre besser gewesen, wenn Deutschland diese Bereiche nicht vernachlässigt hätte. Schon Ausgaben in Höhe des EU-Durchschnitts hätten die Quote auf unter 40 % gesenkt, Ausgaben im Niveau Österreichs oder der Schweiz hätten gar nur gut 38,4 % hervorgebracht. Das alles mit mehr Schulden, die ganz simpel den Etat als Basisgröße erweitert und damit den Anteil der Sozialausgaben relativ gesenkt hätte. Abbildung 5 belegt die absurden Argumente Stelters und Ikens. Es sind nicht die Sozialkosten, sondern die Ausgaben für Bildung und Investitionen, die Deutschland hemmen.

Auch sind die Gesundheitskosten zu hinterfragen, wenn Deutschland im europäischen Vergleich hohe Ausgaben bei geringerer Lebenserwartung aufweist. Aber populistisches Gedröhne hilft nicht weiter. Auch müssen die Zahlen hinterfragt werden. Deutschland hatte mit der Integration der DDR auch überdurchschnittlich hohe Gesundheitskosten übernommen. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Pommern befinden sich zwei Regionen, wo die Lebenserwartung von Männern die niedrigsten in Westeuropa sind. Nur Madeira und die Azoren liegen aufgrund der Insellage schlechter.[8] Und auch das hat mit den zerstörten Biografien besonders ostdeutscher Männer zu tun, deren mentale Stabilität anscheinend mehr als bei Frauen vom beruflichen Dasein abhängt.[9] Insgesamt sind Männer im Verhältnis von mindestens 2:1 auch häufiger von Alkoholsucht befallen. Die Langzeitwirkung wird durch die aktuellen Zahlen zur Lebenserwartung deutlich: In den ersten 20 Jahren nach dem Mauerfall kam es zur Angleichung von Ost und West und danach ging die Schere  – mit dem nun desaströsen Ergebnis im europäischen Vergleich – auseinander.

Diese neuen Zahlen der Lebenserwartung sind alles andere als die hoffnungsvollen „Trente Glorieuses“ oder die Aufbruchstimmung nach dem Mauerfall. Jetzt bündeln sich die Probleme von Staatsverschuldung, verschleppter Modernisierung, neuen Kriegen und Inflation. Die Jugend wächst in einem anderen Umfeld auf, alles andere als sorglos. Die Kids stehen durch die sozialen Medien permanent „unter Feuer“ und müssen sich mit einer Perspektive von Krisen, kaum bezahlbarem Wohnraum und beruflichen Ungewissheiten durch KI und wirtschaftliche Regression auseinandersetzen. Schon diese Situation bietet keine Basis für ein unbeschwertes Leben. Die aktuelle Regierung ist darüber hinaus so weit weg von tragbaren Lösungen, dass sich Frustration in Resignation wandelt und politische Angebote weit rechts attraktiver werden. Der Unterschied zur „Trente Glorieuses“ kann nicht größer sein. 

Die drei glorreichen Jahrzehnte, in der Patti Smith und wir Boomer uns ausprobieren konnten, waren weitestgehend unbeschwert. Nach dem Job war vor dem Job und irgendwo gab es immer ein bezahlbares „Dach über dem Kopf“.

Die Ölkrisen 1973 und 1979/1980 (islamistische Revolution im Iran), die Golfkriege gegen den Irak, die Energiekrisen durch den Ukraine-Krieg und aktuell im Iran sind die Ebene externer Schocks durch aktive militärische Konflikte. Anders als im „kalten Krieg“ bis zum Zerfall der Sowjetunion wirken diese Kriege direkter in die Haushaltsbudgets und das Vertrauen der Menschen. Kriege und Terrorismus sind „normale“ Attribute unserer Realität geworden. Das schafft Feindseligkeiten und Mistrauen. Der Nahe Osten ist in dieser Hinsicht Kristallisationspunkt, denn Öl und Gas sind der Rohstoff für (westliche) Industrien und Gesellschaften. Die immensen Ressourcen der arabischen Golfstaaten, Irans und Iraks haben den Westen in seinem Expansionsdrang in die Abhängigkeit geführt. Eine vollständige Kontrolle des Westens war dennoch nicht möglich wie die Konflikte und Ölpreissteigerungen bis heute zeigen. Kriege und Inflation verlaufen sehr ähnlich.

Abbildung 6: Einfluss von Kriegen auf Inflation von 1960 bis 03/2026

Daten: Fred St. Louis/Worldbank/Macrotrends; ©te

1.3        Überheblichkeit und Arroganz haben ein westlich-christliches Gesicht

Wir sehen seit einigen Jahren eine eskalierende Fortsetzung u. a. durch den Hamas-Überfall vom 7.10.2023, dem GAZA-Inferno danach und die militärische Konfrontation mit dem Iran und seinen Proxys bis heute. Das in 1979 installierte Mullah-Regime basiert ebenfalls auf Hass gegen das Westliche. Die Herabwürdigung durch britische Öl-Ausbeutung seit 1909 und den Putsch der USA im Verbund mit UK im Jahr 1953 gegen den gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh taugt nachhaltig als Feindbild. Die westliche Inthronisierung des Schahs war ein Schritt in die Despotie mit ausgeklügeltem Geheimdienst (SAVAK) nach CIA-Muster und die Iraner haben auch das nicht vergessen.

Die Ablehnung des Westens wurde durch rücksichtsloses Profitinteresse und aggressives Putschen geradezu provoziert. In jeder Hinsicht wurden die Völker und Nationen des Nahen Ostens außerhalb Israels herabgewürdigt. Eine Haltung, die noch heute vorherrscht, da der Islam als Glaubensgemeinschaft mit Terrorismus in Verbindung gebracht wird. Über das Christentum lassen sich ähnliche Tendenzen feststellen, von den Kreuzzügen und Hexen-Verbrennungen ganz abgesehen. Auch die radikalen Evangelikalen in den USA bieten genug Argumente, die dem radikalen Islamismus in wenig nachstehen. Die Überwindung von Hass und Ressentiments ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Und es sind die Trumps, Netanjahus, Hamas, Putins und iranische Mullahs, die dem im Wege stehen.

Es wäre aber oberflächlich nur diese Personen und Haltungen zu adressieren. Es sind letztlich soziökonomische Interessen ausschlaggebend, auch wenn die USA mittlerweile nicht mehr auf fremdes Gas und Öl angewiesen sind. Wer würde in ein Machtvakuum im Nahen Osten eindringen, wenn sich die USA wie in Syrien geschehen zurückziehen? Die geopolitische Verblockung gibt die Antwort: China und möglicherweise auch ein vom Ukraine-Krieg erholtes Russland. So ziehen es die USA denn doch vor, Israel weiterhin schwer zu bewaffnen und Stabilität in der Region unter eigener – wenn auch teurer – Führung herstellen zu wollen. Ein Dilemma, denn Aufrüstung und Kriege sind finanzielle Abenteuer und die herrschende Gruppe um Netanjahu hat eine Agenda von Groß-Israel entworfen, die alles andere als Versöhnung und Frieden verheißt.

Wir erleben die Auswirkungen dieser hasserfüllten Lage permanent, denn wir müssen nur einen Besuch auf Flughäfen abstatten. Der globale Sicherheitsdient an Flughäfen kostete im Jahr 2025 allein über 20 Mrd. US-Dollar[10]; ein Betrag der den jährlichen finanziellen Unterstützungen für die Ukraine im Abwehrkrieg gegen Russland entspricht.[11] Deutschlands gesamt Entwicklungshilfe 2026 liegt bei ca. 10 Mrd. US-Dollar.[12]  Inzwischen kommen noch kostenintensive Maßnahmen gegen Drohnen-Attacken hinzu. Die Welt zahlt täglich in die Kasse des Nahostkonflikts ein und in Europa „musste“ Putin ein weiteres Schlachtfeld eröffnen, dass die Verteidigungskosten explodieren lässt. Der sinnlose Krieg der USA im Nahen Osten von 2001 bis 2021 in Afghanistan und dem Irak hat den US-Amerikanern gemäß einer Studie der renommierten Brown-Universität 8 Billionen US-Dollar gekostet.[13] Das allein sind 20 % der angehäuften US-Staatsschulden, die sich über den Indochina-Einsatz bis heute kumuliert haben. Neunhunderttausend Opfer waren der humanitäre Preis dieser irren Nah-Ost-Manöver.

1.4        Die Öl-Krisen und Attentate sind Verzweiflung

Die arabischen OPEC-Staaten kappten 1973 die Öl-Lieferungen an die Israel unterstützenden westlichen Nationen und setzten den „tollen“ Westen unter Stress. Der Sechstagekrieg von 1967 (5.–10. Juni), ein angeblich präventiver Schlag Israels gegen Ägypten, Jordanien und Syrien mit territorialen Annexionen war die Ouvertüre für die Ereignisse 1973. Die UNO verlangte den Rückzug Israels. Etliche Resolutionen der UN zum Schutz der arabischen Staaten führten nur teilweise zum Rückzug. Was blieb war der eskalierende Hass zwischen den Kriegsparteien. Die Saat für Terrorismus wurde erneut und auf höherem Niveau ausgestreut. Ein weiterer spektakulärer Höhepunkt war vorher das Attentat 1972 in München, als palästinensische Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ die israelische Olympia-Mannschaft als Geiseln nahmen. Elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist wurden bei der Befreiungsaktion getötet. Die Gründung dieser Terrorgruppe hatte Wurzeln im 1967er-Krieg, der Flucht der PLO (Fatah) nach Jordanien und die Ausweisung im Jahr 1971. Im Zuge der Gründung wurde der jordanische Ministerpräsident Wasfi al-Tal ermordet und diverse Flugzeuge entführt.[14] Die Welt wurde zunehmend unsicherer und ist es bis heute.  

Die Episoden 1967, 1972 und 1973 läuteten das Ende der „Trente Glorieuses“ ein.

 

1.5        Die Lage verschärft sich, die Zukunft wirkt dystopisch

Zurück zu Petti Smiths. Die neue Biographie „Bread of Angels“ beschreibt die Zeit bis zur großen musikalischen und poetischen Karriere. Die familiären Turbulenzen aus der Kindheit/Jugend in der US-Prärie und die Zeit nach dem großen Hype um ihr Erfolgsalbum „Horses“ mit Mann und Kindern bilden den Schwerpunkt dieser Autobiografie. Sie selbst fasst die New-Yorker Zeit wie folgt zusammen;

„Könnte ich mich in eine Zeit zurück beamen, wie Owen Wilson in Woody Allens ‚Midnight To Paris‘ – an den einen Ort zurückkehren, es wäre nicht das Berlin der 20er- oder der frühen 90er-Jahre. Es wäre das New York der späten 60er und frühen 70er. Der Club CBGBS, Blondie, The Ramones, das Chelsea Hotel, Poetry, Rock’n’Roll.“[15] 

Die Zeit der Experimente, der Selbstbestimmheit dieser New Yorker Szene, war Mitte der 1970er Jahre auf Abschiedstour. Wir befinden uns am Scheideweg zivilisatorischer Entwicklung. Gelingt es den Zivilgesellschaften wie in Ungarn die Dämonen zu vertreiben, gelingt eine Entmachtung Donald Trumps und anderer Autokraten? Es reicht auch eine Abwahl nicht, es muss mehr passieren. Es muss eine neue Aufklärung sein, eine Aufklärung 2.0, die sich endlich gegen das Finanzkapital, den internationalen Konzernen und seiner Agentien richtet.

Die nuklearen Drohungen Putins mögen noch Abschreckungspropaganda gewesen sein. Trumps Drohung, die iranische Zivilisation auslöschen zu wollen, ist eine neue Qualität. Wir haben es mit Narzissten und Irren zu tun. Das ist nicht nur eine Frage von Demokratie und Freiheit, sondern auch eine Überlebensfrage in ökologischer und zivilisatorischer Hinsicht.

Patti Smith sorgt sich zurecht angesichts dieser Weltlage und regressiver Entwicklung ohne in Pessimismus zu verfallen.

„Hoffnung finde ich in uns selbst, in der Jugend, in Wählern, in Greta Thunberg, in meiner Tochter. Ich habe Hoffnung in die neuen Generationen, aber wir richten irreparablen Schaden an. Es sollte nicht die Hauptaufgabe zukünftiger Generationen sein, unsere Fehler zu beheben, sondern auf unseren guten Taten aufzubauen.“[16]

Das Gestreite um Renten und Bürgergeld wirkt wie aus der Zeit gefallen. Das Bröckeln der liberalen Demokratien verbunden mit dem Zuwachs an militärischen Konflikten und Zöllen hatte die Welt bereits schon. Das endete, wenn auch in zwei Akten, mit eklatanter Zerstörung.

Die im Text adressierten Kräfte von Finanzkapital, Rüstung und IT-Konzernen etc. sind es, die den gesellschaftlichen Fortschritt nicht nur bremsen, sondern die Verhältnisse mehr und mehr zu ihren Gunsten beeinflussen. Die Lobbyarbeit von Finanzkapital, Tech-Konzernen und fossiler Industrie steigt seit etlichen Jahren drastisch an. Allein im Jahr 2024 wurden in den USA 4,4 Mrd. US-Dollar aufgewendet, in der EU waren es 1,6 bis 2,2 Mrd. EUR.[17] Die Steigerung von Lobby-Ausgaben allein der Digital-Industrie in der EU betrug zwischen den Jahren 2021 und 2024 über 55 Prozent.[18] Die Ziele der Deregulierung und Steuervermeidung wird konsequent verfolgt und die betroffenen Staaten tun nicht viel, um das zu ändern.

Die finanziellen Kräfteverhältnisse haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich zuungunsten öffentlicher Verwaltung (Staat) verändert. Die Spitzensteuersätze wurden seit 1990 von 56 Prozent auf 42 Prozent gesenkt, die Kapitalertragsteuer auf 25 Prozent gedeckelt und die Vermögenssteuer ganz abgeschafft. Man kann es drehen wie man will: Lohn- und Umsatzsteuervolumen sind in deutlich größerem Maße gestiegen als die Besteuerung von Unternehmensgewinnen und Kapitalerträgen. Da die Aufgaben des Staats tlw. nur noch durch Schulden und Verkauf von Staatsunternehmen erfüllt werden konnten, ergibt sich folgendes Bild.

Abbildung 7: Erosion des öffentlichen Vermögens von 1970 bis 2020

Das Öffentliche Vermögen fiel von 1970 bis 2020 in Großbritannien (negativster Fall) von plus 60 % auf minus 106 % des Nationaleinkommens. Die leeren Staatskassen sind kein Zufall. Das Geld ist vorhanden, nur in falschen Taschen. Die deutsche GroKo ist von dieser Thematik allerdings weit entfernt. Die Vermögenskonzentration in Deutschland wird im Oxfam-Sozialbericht 2026 wie folgt geschildert: „Die ärmere Hälfte besitzt insgesamt nur 3,4 Prozent des Gesamtvermögens, das reichste Prozent 27,7 Prozent“.[19]

Es ist die Ära der Milliardäre besonders in den USA, wo Medien und Kommunikation in Händen der Superreichen dafür sorgen, dass die Kritik an diesen Verhältnissen nicht laut wird:

  • Über die Hälfte der global größten Medienkonzerne sind im Besitz von Milliardären.
  • Neun von zehn der größten Social-Media-Unternehmen, die sich mit Medienunternehmen überlappen, sind im Besitz von sechs Milliardären
  • Acht von zehn größten KI-Unternehmen sind im Besitz von Milliardären
  • Drei davon dominieren 90 Prozent der KI-Chatbots[20]

Abbildung 8: Anteil des reichsten Prozent am Gesamtvermögen von 1920 bis 2020

Quelle: DIW

Die politische Macht der Milliardäre wurde und wird gerade in den USA demonstriert. Das viele Geld ist politisches Kapital zur Zurückdrängung kritischer Zivilgesellschaft. In Deutschland findet dieser Prozess auch statt: Die 551 Fragen der CDU/CSU zur Neutralität der NGOs geht in diese Richtung. Die Unterstützung von BILD, NIUS und AFD ist ihnen sicher. Lobby-Control hat in einer Studie herausgearbeitet, dass der Einfluss der Wirtschaft (Finanzen, Chemie und fossile Industrie) indirekt über sogenannte Thinktanks, PR-Agenturen und eben politische Vertreter erfolgt.[21] Wir befinden uns längst nicht mehr im „Trente Glorieuses“. Hier geht es um Profit gegen gesamtgesellschaftliche Interessen.

ENDE

Nachtrag: Zur Geschichte, Anatomie und Aktualität der USA mein kompaktes Buch:

Verweise


[1]  Smith 2010

[2] Deutscher Bundestag 2009, S5ff

[3] Stelter 2026. Stelters Rat: Atomkraft reaktivieren und Abschaffung der Rente mit 63. Die „grüne“ Energiewende sei gescheitert. Dazu das Frauenhofer-Institut: https://www.isi.fraunhofer.de/de/blog/2024/kritische-stellungnahme-kernkraft-deutschland-emblemsvag.html.

[4] Iken 2026, o.S

[5] GTAI 2026, o.S.

[6] Moritz-Möller 2025, o.S.

[7] NTV 2022, o.S.

[8] AOK 2026, o.S.

[9] Rennefanz 2026, o.S.

[10] CBS 1980, o.S.

[11] GMI 2025, o.S.

[12] BMZ 2026, o.S.

[13] Kimbell 2021, o.S.

[14] Gresh 2020, o.S.

[15] Bartle 2025, o.S.

[16] Smith 2025, o.S.

[17] DCT BV  2025, o.S.

[18] Lobby Control 2025, o.S.

[19] Oxfam 2026, S.7

[20] Oxfam 2026, S.12.

[21] Lobby Control 2025, o.S.

Quellen:

Smith, Patti 2010: Just Kids. Kiepenheuer & Witsch 2010

Deutscher Bundestag 2009: Entwicklung der Staatsverschuldung von 1970 bis 2013. https://www.bundestag.de/resource/blob/409658/11b75e4dbbe9eff808baca0f1ea4ffc5/wd-4-141-09-pdf-data.pdf. 25.04.2026

Stelter, Daniel 2026: Absturz, so retten wir Deutschland. Langen-Müller Verlag.

Iken, Matthias 2026: Wirtschaftskrise: Die Lage ist ernst – wann wagt die Regierung mehr Ehrlichkeit? https://www.abendblatt.de/hamburg/article411650908/wirtschaftskrise-die-lage-ist-ernst-wann-wagt-die-regierung-mehr-ehrlichkeit.html. 25.04.2026

GTAI 2026: Top Investments of the Year 2025 in Saxony. https://www.gtai.de/en/invest/business-location-germany/fdi/top-investments-of-the-year-2025-in-saxony-1977728. 25.04.2026.

Moritz-Möller, Steffi 2025: Wie es um die deutsche Chip-Industrie steht. https://www.zdfheute.de/ wirtschaft/ chip-hersteller-infineon-tsmc-bosch-subvention-sachsen-dresden-100.html. 25.04.2026

NTV 2022: „Ohne China ist die Energiewende gestorben“. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Ohne-China-ist-die-Energiewende-gestorben-article23229776.html. 25.04.2026

AOK 2026: Deutschland bei Lebenserwartung in Europa gar nicht Spitze. https://www.aok.de/pp/gg/update/studie-des-bib/.26.04.2026

Rennefanz, Sabine 2026: Warum ostdeutsche Männer früher sterben. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/lebenserwartung-warum-ostdeutsche-maenner-oft-frueher-sterben-a-46debd48-ee7f-45e9-b88c-bd4dde2beb64. 26.04.2026

CBS 1980: CIA’s Role in Forming SAVAK. https://www.cia.gov/readingroom/docs/CIA-RDP90-00552R000505290007-5.pdf. 24.04.2026

GMI 2025: Flughafensicherheitsmarkt Größe und Anteil 2026-2035, https://www.gminsights.com/de/industry-analysis/airport-security-market-report, 24.04.2026

BMZ 2026: Der Haushalt des BMZ. https://www.bmz.de/de/ministerium/zahlen-fakten/bmz-haushalt. 24.04.2026

Kimbell, Jill 2021: Costs of the 20-year war on terror: $8 trillion and 900,000 deaths. https://www.brown.edu/news/2021-09-01/costsofwar. 26.04.2026

Gresh, Alain 2020: Das Ende einer Revolte. https://monde-diplomatique.de/artikel/!5710506. https://monde-diplomatique.de/artikel/!5710506. 24.04.2026

Bartle, Michael 2025: Eine Platte, die Musikgeschichte schrieb: 50 Jahre „Horses“. https://www.br.de/ nachrichten/kultur/eine-platte-die-musikgeschichte-schrieb-50-jahre-horses, V28dssq. 24.04.2026

Smith, Patti 2025: Patti Smith kritisiert den US-Angriff auf iranische Atomanlagen. https://www.deutschlandfunkkultur.de/patti-smith-kritisiert-den-us-angriff-auf-iranische-atomanlagen-100.html. 24.04.2026

DCT BV  2025: Lobbyismus in Europa vs USA: Ausgaben, Strategien und Erfolgsraten im Vergleich. https://dctransparency.com/de/lobbyismus-in-europa-vs-usa-ausgaben-strategien-und-erfolgsraten-im-vergleich/. 26.04.2026

Lobby Control 2025: Enthüllt: Tech-Branche investiert Rekordsumme in EU-Lobbyarbeit – Ausgaben steigen auf 151 Mio. €. 16.04.2026

Oxfam 2026: Die Zerreisprobe. https://www.oxfam.de/publikationen/bericht-soziale-ungleichheit-2026#downloads. 27.04.2026

Oxfam 2026: Resisting the Rule of the Rich. https://www.oxfam.de/publikationen/bericht-soziale-ungleichheit-2026#downloads. 27.04.2026 Lobby Control 2025: Neue Studie: Wer steckt hinter den Kampagnen gegen die Zivilgesellschaft? https://www.lobbycontrol.de/aus-der-lobbywelt/neue-studie-wer-steckt-hinter-den-kampagnen-gegen-die-zivilgesellschaft-1225