Steht der Kollaps bevor? Dürre, CO2, Kriege, Autokratie, …

Komplexität und Ressourcenübernutzung
Der Text befasst sich ausdrücklich mit Kollaps-Szenarien und greift eine inzwischen wieder aufploppende Diskussion um das Dilemma moderner Gesellschaften auf: Lösungen zu Frieden, Ressourcennutzung und Umweltschutz werden aufgrund von Komplexität und Interessensgegensätzen immer schwieriger. Eine erste grafische Zusammenstellung soll die Grenzsituation der Menschheit aus ökologischer Sicht illustrieren. Über diesen Elementen schweben die gesellschaftspolitischen Themen von sozialer Gerechtigkeit und Krieg und Frieden. Die unterschiedlichen Ebenen sind analytisch beachtenswert, auch wenn eine Zusammenführung geboten ist. Der ökologische Kollaps und der gesellschaftspolitische Zusammenbruch lassen differenzierte Kollaps-Theorien zu. Um aber einen ökologischen Kollaps zu verhindern, braucht es eine sozioökonomische Lösung über politische Veränderungen. Autokratien und Konservatismus sind die großen politischen und ideologischen Gegenspieler einer Kollaps Vermeidung.
| Abbildung 1: Die große Beschleunigung von Ressourcenverbrauch und Umweltschäden |

Quelle: Gregor Hagedorn/Hartmut Ehmler[1]
Im Zentrum des Diskurses stehen Thesen des US-amerikanischen Historikers und Anthropologen Joseph Tainter[2], der in der Bewältigung gesellschaftlicher Probleme einen steigenden Aufwand bei erodierendem Grenzertrag („Diminishing Marginal Return“) analysiert. Im Abgleich zu Tainter werden die jüngeren Kollaps-Theorien der Historiker Jared Diamond, Luke Kemp[3] und des japanischen Philosophen Kohei Saito erörtert. Der Ansatz von Diamond ist eher dem Ökozid durch falsche Entscheidungen der Gesellschaft[4], der von Kemp sozialpolitischer Ungleichheit zuzuordnen. Kemp erweitert den Komplexitäts-Ansatz Tainters auf hierarchische Herrschaftsverhältnisse und soziale Ungleichheit. Zugleich baut er die dezidiert ökologische Argumentation Jared Diamonds in sein Konzept ein. Er nennt die herrschenden Eliten und Imperien metaphorisch „Goliaths“, weil sie über immense politische Macht verfügen. Kemp definiert „Goliath“ als Dominanzhierarchie. „Goliaths“ zeichnen sich durch gigantische Bürokratie, Militär und ein permanentes Wachstumsstreben aus. Sie scheitern nach Kemp durch interne Korruption, ungleiche Machtverteilung und Umweltzerstörung. So hoffen wir alle.
Saito, der sich auf die „große Beschleunigung“ (Great Acceleration) des Anthropozän[5] (ab ca. 1950) konzentriert, argumentiert mit Bezug auf Texte von Karl Marx und plädiert aufgrund der schwer lösbaren Probleme wie den Klimawandel und planetarische Grenzen für eine De-Growth-Gesellschaft in einer Art demokratischer Planwirtschaft. [6] Er hält „grünes Wachstum“ aufgrund des Rebound-Effekts für eine Illusion. Billigere Energie verführe zu überkompensierendem Mehrverbrauch, was sich u. a. aktuell im Bau etlicher riesiger Rechenzentren der KI niederschlägt. Der Diskurs zur KI ist nicht homogen. Einige Autoren sehen in der KI ein wirksames Werkzeug gegen den Klimawandel, da Schwachstellen und Entwicklungen wie die Rodungen von Wäldern schneller und präziser ermittelt werden können.[7] Das Dilemma ist offenkundig: KI ist Fluch und Segen zugleich. Was wirkt mehr?
Alle aufgeführten Autoren bis auf Saito haben lange Phasen der menschlichen Geschichte analysiert. Sie und auch Saito argumentieren mit exponentiellem Ressourcenverbrauch und Überforderung der Gesellschaft. Die anthropologisch-historischen Beiträge werden am Ende in Teil II mit einem Beitrag aus der Finanzindustrie angereichert.
Der Hedgefonds-Manager Ray Dalio hat sich auf die Analyse von Imperien- und Schuldenzyklen fokussiert. Aufstieg, Höhepunkt und Abstieg von Imperien seien systematisch und durch das Auftreten von neuen Rivalen – aktuell China – geradezu vorbestimmt.[8] Dalio hat seinen Startpunkt vor den Beginn der industriellen Revolution mit dem Aufstieg der Seemacht Niederlande um 1600 gelegt. Dalio untersuchte gut 500 Jahre, Tainter und Kemp rund 3.000 bis 5.000 Jahre. Alle wollen ein Muster erkannt haben.
Auf die moderne Zeit angewendet fällt es schwer, einen Kollaps vorherzusagen. Ein gewichtiges Argument ist erstens die Unberechenbarkeit der Akteure und zweitens die noch nicht abzusehenden Konsequenzen einer globalen demografischen Rückentwicklung. Dieser Aspekt fehlt den Kollaps-Theoretikern in der Zukunftsskizze, auch weil sie vom Gegenteil überzeugt waren/sind.
Die Kollaps-Theorien bergen die Gefahr des Determinismus, was von Kritikern entsprechend vorgetragen wird. Der innewohnende Fatalismus deterministischer Kollaps-Theorien widerspricht dem freien Willen, aber es bleibt abzuwarten, ob der freie Wille die Lösung der Probleme ist oder ob der „freie Wille“ der Tyrannen oder eines Einzelnen die Apokalypse auslöst. Die nukleare Bewaffnung kombiniert mit narzisstischen Autokraten lässt es offen. Also: Untergang allenthalben, Untergang durch politische-nukleare Apokalypse oder eben doch ein erfolgreiches Aufraffen gegen die „Goliaths“.
Die hier behandelten Theorien sind nicht gleichermaßen originell, denn soziale Umwälzungen und Umwelt-Dystopie sind nicht neu. Ich erinnere nur an den Science-Fiktion-Klassiker „Soylent Green“[9] aus dem Jahr 1973, der ein Jahr nach der seinerzeit aufsehenerregenden Studie „Grenzen des Wachstums“ des „Club of Rome“ gedreht wurde. Der Film verschiebt die Dystopie in das Jahr 2022. Was für uns inzwischen Vergangenheit ist, wurde als Endzeit mit „kannibalistischem Skandal“ in Szene gesetzt: Überbevölkerung, Hitzewellen und Ressourcenknappheit führen die kapitalistische Gesellschaft mit autoritärem Staat in den Lösungsversuch, alternden Menschen in staatlichen Sterbekliniken einen schönen Todestraum zu bieten. Die Alten werden wunschgemäß mit sanfter klassischer Musik und anmutenden Naturprojektionen von Wiesen, Wäldern und Ozeanen auf großen Monitoren eingeschläfert. Später wird im Film offenbart, dass diese Toten fleischlich verwertet und in Form von Keksen, die angeblich aus Plankton bestehen, an schlangenstehende Menschen verteilt werden. Plankton war nicht mehr lieferbar und eine existenzielle Ernährungskrise drohte. [10] „Soylent Green“ ist eine makabre dystopische Kreislaufwirtschaft.
Dieser Plot steht im Gegensatz zum realen Untergang etwa der Maya-Hochkultur[11] durch Dürren und Raubbau im Mittelalter, wo die Kreuzung von Bevölkerungswachstum und Ressourcenknappheit zum Verschwinden der Gesellschaft führte.[12] Die Untergänge des Römischen Reiches und der Maya-Hochkultur werden von Joseph Tainter herangezogen, um die Grenzen komplexer Gesellschaften aufzuzeigen. Tainter erklärt Komplexität nicht nur als irgendeine multiple Aufgabe, sondern in der Überforderung. In seiner Theorie sinkt der Grenzertrag von Lösungen in Richtung null, was einer Ohnmachtsposition gleichkommt und Kollapse auslösen kann. Diese Kollapse entladen sich mit einer De-Komplexierung, vereinfachen Regeln, Institution und Leben, so dass die Gesellschaft aus diesem Reset neue Energien schöpft und sich besser entwickelt. Die Geschichte der Menschheit von der Entdeckung des Feuers bis hin zum autonomen Fahren ist naturgemäß ein Anstieg von Komplexität, die auch negativ ausgeformt sein kann. Das Siegel „Kollaps durch Komplexität“ scheint dennoch fragwürdig. Das einfache Landleben als dominante Daseinsform ist kaum mehr rückholbar, aber es könnten sich Wege auftun, komplexe Technologien zu beherrschen und Handbarkeit zu vermitteln. Zu geringe Erträge von komplexen Lösungen kann kein Kriterium für Politik sein.
Schon der britische Ökonom Thomas Robert Malthus erkannte 1798 das Problem dynamischer Populationsentwicklung. Er nahm aber an, dass sich die Agrarwirtschaft nur linear steigern würde und damit der Kollaps unvermeidbar wäre.[13] Und dann wies der deutsche Chemiker Justus von Liebig nach, dass Pflanzen mit bestimmten Nährstoffen schneller und kräftiger wachsen würden. Die Malthus-Falle der Population erwies sich als Fatamorgana, denn die technologische Entwicklung auf Basis von Wissenschaft kann kardinale Probleme lösen. Auch wenn Malthus falsch lag, so richtig war sein Hinweis auf Endlichkeit. Agrarprodukte sind Bestandteil kulturellen Anbaus. Bei Bodenressourcen verhält es sich anders, auch dann, wenn ein Teil recycelt wird. Die mathematische Rechnung hat malthusianischen Effekt: Die Ressourcen werden irgendwann erschöpft sein, wenn entweder die fossile Rohstoff-Ökonomie wächst und/oder das Recycling nicht hinreicht. Selbst eine stationäre Kreislaufwirtschaft käme an ihre Grenzen, denn mineralische Seltene Erden und andere kritische Rohstoffe wachsen nicht nach. Welche technologischen Möglichkeiten entwickelt werden, um nachwachsende Rohmaterialien so einsetzen zu können, dass die Versorgungsqualität nicht sinkt, bleibt spekulativ. Das ist ein neues Feld der „Bio-Raffenerie“.[14] Schon Karl Marx ist in seinem Werk „Das Kapital“ auf den metabolischen Riss (Stoffwechselstörung) eingegangen: Die kapitalistische Produktionsweise entzieht der Natur permanent Ressourcen, die in Kapital und Waren umgewandelt werden. Am Ende der Zirkulation werden Abfallprodukte und Umweltzerstörung im gleichen Maß an die Biosphäre zurückgegeben.[15] Kohei Saito hat diesen Gedanken aufgenommen und Marx in einen öko-sozialistischen Kontext eingebettet, was orthodoxe Marxisten nicht erfreute.[16] Dieser Disput wird an dieser Stelle nicht kommentiert.
Marx‘ Aussagen zum tendenziellen Fall der durchschnittlichen Profitrate sei an dieser Stelle erwähnt. Die Feststellung suggeriert quasi ein Ende der kapitalistischen Produktionsweise, sagt aber wenig über einen Zeitpunkt aus. Vielmehr führt der Prozess ständiger Innovationen zu einer Verschiebung, auf die Marx auch hinwies: Die Konsumgüterindustrie tritt hinter die Investitionsgüterindustrie zurück. Die Kosten, die in einem Konsumgut enthalten sind, werden zunehmend von den Fertigungsmaschinen, Forschung und Entwicklung und Marketing verursacht. Das erhöht den Kapitalaufwand in Relation zu Output und Profit. Die großen Erträge der letzten Jahrzehnte entfielen auf Internetkonzerne wie Alphabet (Google), Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Palantir und Nvidia. Deren Kapitalrentabilität war exorbitant hoch. Aber deren Profite sind gleichsam Input/Kosten der Konsumgüterindustrie, deren Kapitalrentabilität entsprechend fällt, da der Kapitaleinsatz mit Maschinen, Gebäude, IT-Infrastruktur und KI exponentiell steigt.
Das Verhältnis zwischen Kapitalstock und BIP bzw. dem Volkseinkommen – in der Volkswirtschaftslehre als Kapitalkoeffizient (engl. Capital-Output Ratio) bezeichnet – ist langfristig in den meisten modernen Industrieländern gewachsen. Dies bedeutet, dass heute im Verhältnis mehr wertmäßiges Kapital eingesetzt werden muss, um eine Einheit Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu erzeugen.[17] Tainters „Diminishing Marginal Return“ der Lösungsmaßnahmen hat seine Analogien demnach schon in der kapitalistischen Produktionsweise. Ebenso hat das „Gesetz vom tendenziellen Fall der durchschnittlichen Profitrate“ immer noch Evidenz. Der Blick auf die extrem hohen Gewinne im Silicon Valley kann täuschen, wenn damit die Gesamtlage erklärt werden soll. Vielmehr lässt sich damit eine Erklärung für den Machtzuwachs der Internetkonzerne herleiten: Die vielen Milliarden US-Dollar-Überschüsse können die Politik maßgeblich beeinflussen, was seit Trumps erneuter Wahl zum US-Präsidenten nicht zu übersehen ist.
1 Tainters Komplexitäts-Kollaps
Tainter hat den Komplexitätszuwachs mit abnehmendem Grenzertrag in folgenden Rubriken hervorgehoben, die folgend erörtert werden:
- Bürokratie
- Bildung & Forschung
- Energie & Ressourcen
- Gesundheitswesen
1.1 Komplexität und Bürokratie
Joseph Tainters Ansatz ist sozio-anthropologisch begründet, denn er macht die steigende Komplexität von Gesellschaften als Ursache für Kollapse aus. Damit sind auch Maßnahmen gemeint, die beispielsweise aufgrund der US-Finanzkrise neue Institutionen und Behörden auf den Plan riefen, um Ereignisse dieser Dimension zu vermeiden. Ähnliches gilt auch für Umwelt- und Datenschutz, Energiewende etc. Tainter sieht in dem gesellschaftlichen Bemühen Probleme zu lösen ein Dilemma, denn der Aufwand sei mit jeder weiteren Maßnahme größer als die Erträge der Bürokratie. Tainter und Kemp bedienen sich in ihrer Argumentation historischer Beispiele, die durchaus aktuelle Bedeutung haben, denn wir haben es mit stetig komplexeren Gesellschaften bei Wachstum von Milliardären und machtbesessenen Autokraten mit psychopathologischen Eigenschaften zu tun. Kemp rückt in seinem Werk „Goliath’s Curse: The History and Future of Societal Collapse“ die Sichtweise zurecht, indem er unseren Blick vom vielleicht AFD-affinen Arbeiter auf den globalen Durchschnittsbürger weglenkt.
„There ist a vast difference between spending yout days following office orders in a office or factory, and fishing with friends. Critically, the average person in the world today is also not a middle-class worder in australia or norway with paid holiday leave. Instead they more like poor farmers or sweatshop-workers in india or china.“[18]
Unsere „westliche“ imperiale Lebensweise unterscheidet sich fundamental vom Leben in den „Sweatshops“ des globalen Südens. Auch wenn die sogenannte Mittelschicht im Westen erodiert, ist das Privileg aufgrund der kostengünstigen Warenlieferungen des globalen Südens nicht zu übersehen. Saito und Kemp legen auf diesen Aspekt wert, denn eine Angleichung der Lebensverhältnisse käme einem Konsumverzicht und Wohlstandsverlust im globalen Norden gleich.[19] Der humane Aspekt wurde 2024 im deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) integriert und es dauerte nicht lange, bis die ersten Lobbygruppen erreichten, dass nur noch Unternehmen ab einer Mitarbeiterzahl von über 3.000 anstatt von 1.000 Rechenschaft ablegen müssen.[20] Der bürokratische Aufwand war groß, der internationale Wettbewerb zu intensiv. So bleibt es beim Konsum von Fast Fashion ohne ausreichenden Schutz der Näherinnen in Bangladesch. Wenn Bürokratie den Profiten entgegensteht, wird mitunter schnell gehandelt. Wenn es um den Schutz von Menschen geht, bleiben die Anstrengungen oft ohne Wirkung, auch weil kein durchführendes und überwachendes Personal bereitgestellt werden „kann“. Jugendämter sind personell so unterbesetzt, dass Missbrauchsfällen oft nicht nachgegangen wird. Andererseits laufen staatliche Wegewarte umher, um Anwohner wegen ungeschnittener Hecken anzuzeigen. Der Staat sollte Bürger schützen und sozialen Ausgleich Vorschub leisten. Er sollte Bildung für Demokratie, humane Rechte und Umweltschutz intensivieren. Dafür werden Mittel gestrichen wie jüngst in Hamburg die Streichung von Schuldbegleitern für Kinder mit Handicap. Die tatsächlich strapazierten Staatskassen verengen den politischen Spielraum für sozialen Zusammenhalt und Interessenwahrung von Minderheiten. Politische Populisten müssen für ihren Erfolg nur zuschauen und den Bürger-Prostest verwerten.
Dabei geht es um nicht weniger als die Chance auf eine bessere Welt, alternativ um die unheilvolle Fortführung von Ausbeutung, Umweltzerstörung und Kriegen oder gar die Apokalypse selbst. Tainter sieht in der zunehmenden Komplexität der Gesellschaften den Keim des Untergangs, da neue Lösungen ausgelöst von neuen Problemen mehr Kosten verursachen als der Benefit der Lösungen einbringt. Im Ergebnis wächst die Bürokratie bei mäßigem Ertrag.
Ein kleines Beispiel aus dem Alltag einer deutschen Familien-Gerichtsbarkeit: Ein in Trennung befindendes Elternpaar mit einem wenig deutsch-sprechenden Elternteil streitet sich um Sorge- oder Umgangsrecht für ein gemeinsames Kind. Das deutsche Jugendamt nimmt den Fall an und ist aufgrund mangelnder personeller Ausstattung nicht in der Lage, den Fall selbst bearbeiten und delegiert die Problemlösung an einen eigens dafür installierten gemeinnützigen Verein mit entsprechender Expertise. Es kommt zu mehreren Gesprächen mit Eltern und Kind. Es wird zusätzlich ein Dolmetscher für die beispielsweise arabische Sprache hinzugezogen. Nach Ablauf der Gespräche kommt es zum eigentlichen Gerichtsprozess vor dem Familiengericht, das eigens wegen der Kindeswohlfahrt einen zusätzlichen Verfahrensbeistand aktiviert hat, der auch Gespräche mit den Beteiligten führt.
Nicht selten werden aufgrund von gegenseitigen Vorwürfen der Eltern psychologische Gutachten eingeholt und/oder Drogen-Tests vorgenommen. Kosten nur dafür liegen oft weit über 10.000 EUR. Anwaltskosten kommen noch hinzu. Damit sind die Kosten für Jugendamt, Beschäftigte des Vereins und Gericht noch nicht beziffert; und oft sind diese Eltern nicht in der Lage, die Kosten selbst zu tragen, so dass die Allgemeinheit dafür aufkommen muss. Die Rechtslage gibt das vor und die komplexen gesellschaftlichen Probleme hinterlassen in steigendem Maße diese Kosten, die mit Kriminalität und ungelösten sozialen Problemen zusammenhängen. Von den ca. 150.000 Kindschaftssachen entfallen fast die Hälfte auf Kindeswohlgefährdung. Im Osten Deutschlands nahmen die Fälle zwischen 2010 und 2019 – bis zur Covid-19-Pandemie – um über 53 Prozent, im Westen über 23 Prozent zu.
| Abbildung 2: Anzahl der Kindeswohlgefährdungen in D von 2013 bis 2023 |

© Statista
Staatliche Ämter, Schulen, Kitas, Polizei und Justiz sind personell unterversorgt und der finanzielle Spielraum durch Steuereinnahmen wird angesichts der Dauerkrisen immer kleiner. Das kollidiert mit der gesellschaftlichen Entwicklung, die mehr und mehr Konflikte hervorruft.
| Abbildung 3: Anzahl der Kindeswohlgefährdungen in D von 2013 bis 2023 |

Die personellen Aufstockungen (Abbildung 4) seit 2008 in Regierung und Behörden haben seit 2010 auch zu einer Erhöhung der staatlichen Ausgaben geführt. Eine Kriminalstatistik (Abbildung 3) belegt die negative Entwicklung seit dem Jahr 2005. Gewalttaten haben sich seit 1987 mehr als verdoppelt.[21]
Dazu passend wurde der öffentliche Apparat ausgebaut, ohne dass es zu einer befriedigenden Personalbesetzung ins besondere bei Polizei und Justiz gekommen ist. Bei den Staatsanwaltschaften wurde 2025 die Millionen-Schwelle an offenen Verfahren überschritten.[22] Es dauert tlw. Jahre für Urteile in relativ einfachen Fällen. Es mangelt an ca. 2.000 Staatsanwälten und Richtern.
Trotz vollmundiger Versprechen zur Entbürokratisierung sind Staatsangestellte eine wachsende Branche. Die Zeit vor 2008 betrifft die Maßnahmen der Agenda 2010 der Schröder-Fischer-Regierung. Es wurden Beschäftige von Post, Bahn und anderen Staatsunternehmen aus dem Staatsdienst zugunsten privater Unternehmen wie der Telekom, DHL, etc. entfernt. Nur deshalb ist ein Abbau von 1995 bis 2008 erkennbar. Viel andere Jobs wie die der oben beschriebenen Kinder- und Jugendhilfe wurden ausgelagert. Trotz dieser Auslagerungen ist das Staatspersonal um über 700.000 Mitarbeiter bis 2022 gewachsen. Der Grund liegt in der Steigerung der Komplexität: Klimaschutz, Datenschutz, Gender-Gerechtigkeit, IT-Infrastruktur/Cyberkriminalität, Clan-Kriminalität, Migration etc. absorbieren immer mehr gesellschaftliche Ressourcen.
Die neuen Einrichtungen lassen dauerhafte Kosten für Gebäude und Personal entstehen und behindern die involvierten Akteure durch Überwachung und Sanktionen. Das Beantworten von Fragen und Formularen aller Art steht auf der Seite der Bürger und Unternehmen. Die wachsende Bürokratie ist ein Schlüsselargument Tainters, denn das Erlassen und Überwachen von Regeln ist kostenintensiv und kann zu Lähmung und Stagnation führen.
| Abbildung 4: Personelle Entwicklung im öffentlichen Dienst von 1995-2002 in Mio |

1.2 Forschung und Entwicklung
Tainter sieht auch die Entwicklung von Forschung und Wissenschaft kritisch, denn die „tiefhängenden Früchte“ der Forschung seien gepflückt: Rad, Automobil, Antibiotika, etc. Der Aufwand für weitere Innovationen würde gigantische Ausmaße annehmen und nur mit Milliarden-schweren Paketen zu bewältigen sein. Dazu zählt auch die Großforschungsanlage des Teilchenbeschleunigers CERN, die dennoch nur minimale Fortschritte aufweisen würde.[23]
Tainter hat recht und unrecht zugleich. Die Früchte hängen hoch und es wird ein exorbitanter Aufwand betrieben, um Innovationen entstehen zu lassen. Das liegt aber in der Natur der Sache, wenn es bereits schon viele Fortschritt auf allen Ebenen gegeben hat. Die Branche der Erneuerbaren Energie basiert auf 100 Jahre wissenschaftlicher Arbeit. Der Nutzen, dass Licht Strom erzeugen kann, wurde mit Milliarden US-Dollar zur modernen Erfolgsgeschichte. Die Solarzelle wurde 1954 in den Bell Laboratories der USA entwickelt, das seinerzeit global fortschrittlichste Forschungszentrum mit bester finanzieller Ausstattung. Nach über 100 Jahren seit der Entdeckung des Naturprinzips wurde die Solarzelle Bestandteil des US-Raumfahrtprogramms zur energetischen Selbstversorgung, die in den 1990er Jahren auch für Gebäude eingeführt wurde.[24] Tainter hat diese Innovation nicht ausreichend gewürdigt und sieht eher ein Problem der horizontalen Ausdehnung. Er vermutet, dass die Flächen für Solarenergie und Windkraftanlagen ausgehen werden. Er verkennt den technologischen Fortschritt in der Branche: in 10 Jahren wurde die Leistung gemessen an der Fläche um 50 % gesteigert und die Entwicklung geht zum Perowskit, einer effizienteren Materialklasse der nächste Photovoltaik-Generation. Diese Solarzellen verfügen über eine Kristallstruktur, die Sonnenlicht deutlich effizienter und ressourcenschonender in elektrische Energie transformiert als herkömmliche Siliziumzellen.[25]Das ist alles komplexer, aber gesellschaftlich nicht problematisch, denn es hilft fossile Energien zu vermeiden.
Technischer Fortschritt ist nicht gleichartig. Die immensen Summen Forschungsgelder für die KFZ-Industrie zeigen relativ wenig Wirkung seit den 1980er Jahren. Nach 45 Jahren fahren die Automobile nicht grundsätzlich anders, auch wenn sie etwas weniger Kraftstoff verbrauchen. Das wird durch den Rebound-Effekt real zunichte gemacht, denn etliche Zeitgenossen haben sich nun schwere SUVs zugelegt. Der Sprung ist energetisch mickrig und erst mit der E-Mobilität ist es möglich, dem Ziel einer CO2-Sekung im Verkehr näher zu kommen. Das sind disruptive Innovationen, wenngleich nicht auf einem Niveau der Sprünge der Kondratieff-Zyklen.[26] Es ist mehr oder weniger eine innovative Batterie-Technologie, die den „Verbrenner“ ersetzt. Und schon stöhnt die gesamte Industrie der „Verbrenner“-Hersteller und mit ihnen die Förderer von Öl und Gas.
Eine ebenso einschneidende Wirkung haben digitale Technologie und das Internet. Die Vergesellschaftung dieser ursprünglichen US-Erfindung (Militär) hat z.B. einen Buchversandhändler zum IT-Tycoon werden lassen, dessen Handelsplattform Amazon nicht nur Groß- und Einzelhändler zur Verzweiflung bringt, sondern ganze Städte und Dörfer verändert. Große Einkaufszentren verändern sich durch Schließung etlicher Warenläden, die bestenfalls durch gastronomische Einheiten, Nagelstudios, Barber- und Mobiltelefon-Shops ersetzt werden. Eingesessene mediterrane Restaurant weichen Anbietern von Asia-Food.
Diese Disruptionen führen zu einer steigenden Irritation der Traditionsgesellschaft, was nicht die Komplexität, aber die Diversität beeinträchtigt. Die Dinge werden eher einfacher denn komplexer und sie verlieren an Ästhetik. Es bleibt festzuhalten, dass die Internetindustrie in der westlichen Hemisphäre von einer Handvoll US-Konzernen bzw. ihrer Milliardäre beherrscht wird. Das passt nicht so sehr in das Tainter’sche Konzept, aber durchaus in das von Luke Kemp und Kohei Saito. Es geht um die Macht der „Goliaths“. Joseph Schumpeter hat sich schon in der 1940er Jahren an eine spektakuläre Weissagung gewagt, die noch heute verblüfft: Der Kapitalismus lebt mit zyklischen Wellen von Innovationen, die als Ergebnis von Invention und Imitation Produktivität und „Wohlstand“ mehren. Das vollzieht sich nicht immer mit mehr Ressourcenverbrauch und ist oft nicht mehr als ein anderes Geschäftsmodell wie das Amazons.
„Im Fall des Einzelhandels kommt die entscheidende Konkurrenz nicht von weiteren Ladengeschäften des gleichen Typus, sondern vom Warenhaus, vom Kettengeschäft, vom Postversandgeschäft und von der Warenhalle (Supermarkt), die früher oder später diese Pyramide (der Anbieter, d. Autor) zerstören müssen.“[27]
Die Digitalisierung hat nicht selten stoffreiche Mechanik ersetzt. Kleine Smartphones leisten heute mehr als ganze Rechenzentren der 1970er Jahre, die geschätzt weltweit ca. 10.000-mal installiert waren. Das Problem liegt im Massenkonsum, denn heute befinden sich im Internet rund 4,7 Milliarden dieser kleinen mobilen Computer. Auch hier ist ein Rebound-Effekt unübersehbar: es ist für fast jede Person kaufbar. Komplexität ist nicht das Problem, denn schon der italienische Ökonom und Soziologe Wilfried Pareto hielt das Monopol für eine gute Sache. Schließlich würde das Produkt eines Monopols höchst-skaliert und mit nur einem Overhead gefertigt werden können. Der Schumpeter-Effekt wäre dahin, denn Invention und Imitation durch Wettbewerb wäre ausgeschaltet. So ein stationärer Wirtschaftskreislauf besteht nur in stupiden Lehrbüchern. Menschen sind kreativ und erfindungsreich. Das macht die Welt komplexer und nicht immer ist der Return of Investment gesellschaftlich ein gutes Input-Output-Resultat.
Das Problem liegt eher im unangemessenen Aufwand für über 50 % der Beschäftigten im Informationsbereich gegenüber 20 % in der Industrie und 1 % in der Landwirtschaft. Die Maschinerie für Werbung, Marketing und Beratung verschlingt inzwischen so viel Ressourcen, dass wir die Hälfte unserer Arbeitszeit für Massenkonsum opfern. Mit dem erhaltenen Löhnen ist der imperiale Lebensstil auf Konsum und teure Urlaubsreisen ausgerichtet. Dafür opfern wir Lebenszeit und „Nerven“. Die Schlagzahl dieser Arbeitseinheiten hat ein Maß angenommen, dass die Menschen im Stakkato-Takt Informationen verarbeiten müssen, die alles andere als lebensnotwendig sind; von Desinformation und Fake-News ganz abgesehen. Diese systemische Überanspruchung erfordert inzwischen über 5 Mio. Cyber-Crime-Experten, die sich Millionen von Internet-Kriminellen entgegenstellen. In Myanmar, Kambodscha und Laos werden Hunderttausende Menschen als „Pishing“-Sklaven gehalten, Tausende wurden entführt oder mit falschen Versprechungen getäuscht.[28]
Beim Schreiben dieser Zeilen überkommt mich nicht zum ersten Mal, dass wir uns im Kollaps-Prozess befinden ohne es direkt zu bemerken. Die Gefahr durch Internet und KI wird massiv unterschätzt. Die Tainter’sche Formulierung „Kollaps“ trifft das Problem, die Analyse passt nicht ganz. Die Gesellschaft wird nicht zusammenbrechen und in einer weniger komplexen Gesellschaft wieder auferstehen. Die globalisierte Welt ist mit den Maya und dem Römischen Reich nicht zu vergleichen, stellte bereits Luke Kemp fest[29]. Am Ende ist eine Vereinfachung durchaus möglich, wenn die Ungleichheit zurückgeht und die technologischen Fortschritte in Arbeitszeitverkürzungen münden. Bis dahin bleibt es bestenfalls sehr komplex, um die Apokalypse zu vermeiden.
1.3 Ressourcenverbrauch und Übervölkerung
Ähnlich wie Jared Diamond sieht Joseph Tainter ein kaum lösbares Problem im Verbrauch von Energie und Ressourcen, ein Thema, dass durch den Club of Rome bereits 1972 mit der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ angestoßen wurde.[30] Das Güterangebot, getrieben von einer gigantischen Werbemaschinerie, für eine Gesellschaft, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts vervierfacht hat, verbraucht Energie und Ressourcen, die der Planet Erde nicht mehr liefern kann. Tainter bezieht sich in seiner Analyse auf dem EROI (Energy Return on Investment, oft auch Erntefaktor). Der EROI gibt an, wie viel Einheiten Energie beim Input einer Einheit Energie erzielt werden. Folgende Abbildung zeigt den erodierenden Ertrag fossiler Energien.
| Abbildung 5: EROI ab 2000 bis 2100 simuliert |

© Science direct 2026[31] und eigene Ergänzungen
Es ist unstrittig, dass die fossilen Ressourcen endlich sind, aber das gilt auch für Stoffe, mit denen Aggregate zur Gewinnung erneuerbarer Energien hergestellt werden. Nur werden diese nicht unwiderruflich verbrannt, sondern z. B. bei PV-Anlagen in Deutschland zu rund 94 % recycelt. Bei Windkraftanlagen werden immerhin annähernd 90 % erreicht. Das ist auch hohe Komplexität, die aber mit Sicht auf natürliche Ressourcen alles andere als ein „Diminishing Marginal Return“ bietet. Das ist ein Teil einer möglichen Lösung aus dem Energie-Dilemma, dass mit dem sinkenden EROI beschrieben wird.
PV-Anlagen haben lt. Frauenhofer-Institut einen Erntefaktor von 20 bis 25 bei steigender Tendenz (Abbildung 5) mit technischen Verbesserungen.[32] Windkraft liegt i.d.R. zwischen 30 und 40.[33]
Damit liegt der EROI der erneuerbaren Energie nicht nur deutlich über den fossilen Trägern, sondern ist mit einem geringen Anteil an CO2-Emissionen, die bei der Herstellung entstehen, x-fach weniger umweltschädlich. Frühere Ölquellen im 19. Jahrhundert lieferten mit dem Einsatz von einer Barrel Energie über 100 Barrel Rohöl zurück, inzwischen liegt der Wert unter Fünfzehn. [34] Fracking und Tiefseebohrungen in immer tieferen Regionen sind in den Kosten ähnlich steigend wie der inzwischen aufgegebene Kohlebergbau: Je tiefer, desto teurer.
Ein ähnlicher Effekt kann sich auch bei erneuerbaren Energien einstellen, wenn Flächen und Speicher knapp werden, weil der Bedarf (Rebound-Effekt durch günstige Energie) exponentiell steigt: der Aufbau von Rechenzentren für künstliche Währungen (Bitcoins), Internet-Clouds und KI. Da erneuerbare Energien nicht immer abrufbar sind, schließen KI-Betreiber Kontrakte mit Energieversorgern aus dem Nuklear-Bereich.[35] Soll nukleare Energie mit all den Entsorgungs-, Sicherheits- und Temperaturproblemen vermieden werden, wird ein weiterer Teil der Problemlösung im Konsum liegen.
Der Konsum muss außerhalb von Märkten gesteuert werden. Das ist so neu und revolutionär nicht, denn sowohl Pigou-Steuer[36] als auch der Umwelt-Zertifikatehandel verfolgen die gleiche Absicht: Vermeidung von umwelt- und gesundheitsschädlichem Konsum. Die Anhäufung von kaum getragenen Textilien (Fast Fashion, etc.) und ständige Hardware-Variationen im Elektronikbereich machen den Unsinn mit Sicht auf endliche Ressourcen deutlich. Und natürlich werden damit ökonomische Interessen berührt. Genau darum geht es. Luke Kemp und Kohei Saito sehen deshalb in „Goliaths“ bzw. wachstumsgetriebenen Kapitalismus das Problem. Jared Diamond hatte ebenfalls den Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen als fatal beschreiben; und letztlich argumentiert auch Tainter mit Kollaps durch Ressourcenübernutzung. Das Thema ist so ernst wie der Klimawandel, der uns Ende Juni 2026 mit neuen Hitze-Rekorden verdeutlicht, wohin wir uns bewegen. Das wäre dann auch die Überleitung zum Gesundheitswesen. Die Hitzeentwicklung in den Metropolen, die sich dem Zustrom durch Migration und Landflucht kaum erwehren können, wird ungehemmt durch täglich durchschnittlich ca. 51 Hektar (etwa 71 Fußballfelder) neue Siedlungs- und Verkehrsflächen mit Asphalt und Beton verstärkt.[37] Die betroffenen Flächen werden fast zu Hälfte versiegelt. Auf der anderen Seite sind allein in Hamburg 1,1 Mio. Quadratmeter leerstehende Büroimmobilien vorhanden; eine Steigerung von fast 7 % zum Vorquartal, dass Ende 2024 eine Steigerung von 14 % gegenüber dem Vorjahr auswies.[38] Ungebremster Wachstumsdrang kreuzt sich mit fehlenden Planungen.
1.4 Gesundheit und Medizin
Moderne Medizin kann Leben drastisch verlängern, wird dabei aber hyperkomplex. Die ersten Hygienemaßnahmen und Impfungen im 19./20. Jahrhundert waren sehr effektiv, verlängerten die Lebenserwartung der Bevölkerung mit relativ geringem finanziellem Aufwand um Jahrzehnte. Heute investieren moderne Staaten Billionen in High-Tech-Medizin, Gentherapien und Pflege, um die Lebenserwartung am Lebensende nur minimal zu steigern. Die Kosten pro gewonnenes Lebensjahr sind kaum zu beziffern. In den USA ist die Lebenserwartung sogar zurückgegangen, was aber eher mit medizinischer Unterversorgung der unteren Einkommensgruppen erklärt werden kann. Das US-Desaster während der Covid-19-Pandemie wird in Abbildung 7 ebenfalls deutlich. Die EU-27 stehen deutlich besser da.
| Abbildung 6: Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland von 1871-2024 |

© Statista 2026
| Abbildung 7: Lebenserwartung und Säuglingssterblichkeit im Vergleich USA-EU27 |

Der immense Aufwand und der spärliche Mehrertrag stehen in keinem Verhältnis. Die Entwicklung seit den 1980er Jahren ist regressiv: Liberale Demokratien sind auf dem Rückzug, die soziale Ungleichheit nimmt zu. Wir müssen mehr Konflikte verarbeiten und sind sprachlos, als am 29. Juni 2026 in Stade 6 Menschen in einer sozialen Einrichtung wegen einer Kindschaftsangelegenheit getötet wurden. Es ging nicht um Geld, sondern um Sorgerecht, Kindeswohlgefährdung und staatlichen Paternalismus. Die Konflikte nehmen „irrationale“ Dimensionen an.
Der britische Gesundheitsökonom Richard Wilkinson hatte schon 1996 eine umfangreiche Studie zur Gesundheitsentwicklung bei sozialer Differenzierung veröffentlicht. Das Ergebnis war eindeutig: Nicht das BIP pro Kopf korrelierte mit Gesundheit, sondern der GINI-Index. Je weniger soziale Unterschiede in einer Gesellschaft, desto höher die Lebenserwartung. Das durchschnittliche Einkommen ist nicht maßgebend, denn es könnte sehr ungleich verteilt und außerdem mit viel „Stress“ erreicht worden sein. Sein Fazit: Ungleichheit macht nicht nur den Einzelnen krank, sondern die gesamte Gesellschaft.[39]
M.a.W.: Der medizinische Fortschritt wird durch die wachsende Ungleichheit, den daraus abgeleiteten sozialen Konflikten und suboptimalen Wohnsituationen mindestens kompensiert. Der Ansatz ist auch an dieser Stelle nicht der Abbau von Komplexität, sondern Beseitigung sozialer Differenzierung zugunsten eines sozialen Zusammenhalts, der mit Gerechtigkeit und ausgewogenen Einkommensverteilungen erzielt werden kann. Das Gegenteil bieten uns die entwickelten westliche Industriegesellschaften. Ein eklatantes Beispiel sind die USA: 40 Jahre Lohnstagnation bis zur Covid-19-Pandemie bei stark steigendem BIP. Entsprechend wächst der GINI-Wert, denn die oberen Einkommensbeziehern haben jegliches Wachstum für sich beansprucht. Der Rückgang der durchschnittlichen Lebenserwartung ist nicht überraschend.
| Abbildung 8: Entwicklung von Einkommen und GINI-Index in den USA |

Daten: Fred St. Louis; United States Census 2021. ©te
Luke Kemp blickt nicht auf die Menschheit als verursachenden Akteur, sondern auf die „Goliaths“, das eigentliche Problem. Kohei Saito macht den Wachstumsfetisch der kapitalistischen Produktionsweise verantwortlich. Er glaubt auch nicht an ein „grünes Wachstum“ und empfiehlt ähnlich wie die TAZ-Journalistin Ulrike Herrmann[40] in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ eine De-Growth-Therapie.
Die komplexe Energiewende des 21. Jahrhunderts ist anders als Tainters Interpretation zu werten. Die Öko-Bewegung ist gegen „Goliaths“ gerichtet, die wiederum mit drastischen Maßnahmen reagieren: Noch mehr bohren („drill baby, drill“) und Stoppen von Windkraftprojekten ist nicht komplex, sondern simpel zerstörerisch.[41] Die Frage lautet: Ist Komplexität das eigentliche Problem ist.
Dieser Text begibt sich auf Antwortsuche. In diesem Zusammenhang wird immer wieder das Bevölkerungswachstum diskutiert. Die meisten Dystopien und skeptischen Theorien sehen im Bevölkerungswachstum ein großes planetarisches Problem, andere beurteilen genau andersrum. So auch Internet-Tycoon Elon Musk und Alibaba-Gründer Jack Ma, die dem Bevölkerungsrückgang durch sinkende Fertilitätsraten mehr Gewicht beimessen als dem Klimawandel.[42] Sie argumentieren für Unternehmen typisch mit fehlenden Arbeitskräften in der Zukunft und unterschlagen erstens Migrationsbewegungen und zweitens den geringeren Konsumbedarf einer schrumpfenden Gesellschaft. Dennoch stehen mit der demografischen Regression kardinale Probleme an:
- weniger Erwerbstätige, die mehr Ruheständlern gegenüberstehen
- geringere Steuerbasis, denn Erwerbtätige zahlen das Gros der Steuern
- höhere Gesundheits- und Rentenausgaben aufgrund alternder Kohorten
- mehr Aufwand bestehender Institutionen, da mehr Alte und Kranke zu versorgen sind
Der Übergang von etwaiger Überbevölkerung hin zur möglichen Unterbevölkerung kann nur die Generationsgerechtigkeit tangieren. Das ist aber mit Verschiebung von Lebensalterszeiten und Verbesserung der Institutionen lösbar und eben nicht mit „Soylent Green“. Das Phänomen sinkender Fertilitätsraten wurde von Tainter nicht thematisiert, entspricht aber seinem Ansatz sinkender Grenzerträge zum Input der Eltern. Waren Kinder lange – besonders in der Landwirtschaft – Garantien für eine Unterstützung im Alter, so wird heute eine andere Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht. In hochkomplexen Gesellschaften steigen die Kosten der Kinderaufzucht:
- lange Ausbildungszeiten, um Kindern eine gute Lebensperspektive zu ermöglichen
- hohe Wohnkosten durch Erweiterung der Wohnfläche
- teure Kinderbetreuung
- unsichere Karrierewege besonders für Frauen in konservativer Umgebung
- hohe Opportunitätskosten, insbesondere für gut ausgebildete Frauen
- Ausstattung der Kinder bis hin zu teureren Reisen
Die niedrigen Fertilitätsraten in entwickelten Industriestaaten und besonders in Asien mit hochverdichteten Wohnsituationen zeigen eine Reaktion der Menschheit auf die steigende Komplexität von Gesellschaften. Aber ganz anders als Tainter beschreibt, denn die bewusste Entscheidung gegen Kinder ist durch den komplexen Sozialstaat begünstigt. Nicht die Kinder sorgen für die arbeitsfreie Alterszeit, sondern ein komplexes Einzahlungs- und Umlagesystem. Kinder scheinen mehr „Fun“ als Notwendigkeit.
Die Menschheit passt sich unter den oben beschriebenen Bedingungen an, weil die gesellschaftlichen Ansprüche an Eltern nicht mit den Möglichkeiten einer lebenswerten Entfaltung aller Beteiligter harmonieren. Besonders stark verdichtete urbane Regionen mit hoher Lohnarbeitsintensität sind geradezu abschreckend für Aufbau und Entwicklung von jungen Familien. In der Konsequenz könnte es darauf hinauslaufen, dass die betroffenen Gesellschaften auf ein lebenswertes Maß demografisch schrumpfen. Die staatlich gesteigerte Komplexität zur Geburtensteigerung ist bereits ein Tainter-Moment. Steuervergünstigungen, Elternzeit, Elterngeld und Kindertagesheim-Garantien konnten das Problem nicht lösen. Der Ertrag ist negativ. Die Geburtenraten verharren im OECD-Bereich bei 1,5 pro Frau und Asien gilt als besonders schrumpfender Kontinent: Japan (1,15), China (0,98), Südkorea (0,8) und Taiwan (0,72).[43]
2 Komplexität, Geburtenrate und De-Growth?
| Abbildung 9: New Economic Geography |

© te
Die Verdichtung von Städten ist Resultat der industriellen Revolution. Der renommierte US-Handelsökonom Paul Krugman entwickelte 1990 die New Economic Geography, um seine Außenhandelstheorie zu untermauern.
2008 erhielt Krugman den Nobelpreis für seine Arbeit. Abbildung 9 verdeutlicht, dass logistische Vorteile wie ein Zugang zur See Agglomerationen (Ballungsräume und Städte) entstehen lassen. [44] Große Städte liegen entweder am Wasser oder sind relevante Knotenpunkte im Binnenland oder entstehen an Ressourcen-Hotspots. Wenn ein kritischer Punkt überwunden ist, können die „First-Nature-Vorteile“ mit Elementen des „Second-Nature“ zu Ballungszentren führen, da Unternehmen Arbeitskräfte anziehen, Skaleneffekte durch Transportvorteile erzielen den Standort zusammen mit politischen Institutionen in Gestalt von Universitäten und Forschungseinrichtungen ausbauen. In Hamburg ist Airbus ein solches Unternehmen, dass ein riesiges Cluster von Hunderten Zulieferern und der TU Harburg erzeugt hat. Mit dem Zustrom von Arbeitskräften in limitierten Stadtgrenzen erhöhen sich die Lebenshaltungskosten aufgrund der hohen Nachfrage. Es kommt kaum zur Dispersion aufgrund mangelnder Alternativen. In Folge wachsen Städte und ziehen immer mehr vor allem jungen Menschen an, die sich für neue Jobs, Hochschul-Studium und kulturelle Angebote einer großen Stadt auf den Weg machen. 1950 lebten rund 70 % der Weltbevölkerung eher, waren es 2007 nur noch knapp 50%. Für das Jahr 2050 werden rund 70 % der Menschheit in urbanen Zentren leben.
| Abbildung 10: Anteil der Weltbevölkerung in urbanen Zentren |

© Statista 2026
Steigende Wohnkosten, kollabierende Straßenverkehr und Umweltbelastungen hemmen Binnenwanderung und Auslandsmigration in die urbanen Zentren bislang nicht. Die Probleme nehmen zu. Lediglich der Geburtenrate nimmt deutlich ab, in den urbanen Zentren deutlich mehr als auf dem Land, was ein Indiz für die schleichenden Verfall der Metropolen ist. In einigen Hotspots wird dem Overtourism den Stadtbewohnern noch mehr zugemutet. Im Hotspot Venedig-Altstadt führte dieser Umstand zur Gebühr für Tagestouristen. Das Kriterium „Überfüllung“ wird für den gewünschten Aufenthaltsort immer relevanter. Die Demografie wird nicht nur deshalb kontrovers diskutiert. Die „Goliaths“ wollen viele Arbeitskräfte; viele andere Interessengruppen würden die Entlastung in den urbanen Zentren vorziehen.
Ob und inwieweit sich das demografische Problem auswächst, hängt auch von den anderen Elementen ab, die von Tainter, Kemp, Diamond, Saito und Dalio diskursiv vorgetragen werden. Tainters Werk stammt aus dem Jahr 1988 und konnte einige Entwicklungen nicht aufnehmen. Der Komplexitätsansatz ist aber insoweit interessant, weil damit Probleme der Politik vorgezeichnet sind. Maßnahmen wie „staatliche“ Geburtensteigerung verpuffen, weil die Probleme nicht monokausal, also nicht nur auf Kosten bezogen sind. Es geht schlicht um Lebensplanung, die viele Aspekte aufnimmt. Die „Goliaths“ sind auf Arbeitskräfte angewiesen, denn nur sie schaffen kaufbare Produkte und Leistungen, aus denen die Eliten ihren Reichtum generieren. Der Reichtum basiert auf Immobilien und lukrativen Finanzgeschäften mit Aktien, Metallen und anderen Assets. Das bedeutet für die Leistungserbringer hohe Lebenshaltungskosten bei hoher Arbeitstaktung.
Wenn diese Konstellation das Leben der jungen Erwachsenen so erschwert, dass sich die Möglichkeiten der Fortpflanzung verschlechtern, müssen die Bedingungen verbessert werden. Die Staatskasse müsste so viel Anreize bieten, dass die Geburten zunehmen. Aber die Staatskasse sind die Steuerzahler, unter den selten Vermögende (Eliten) einen angemessenen Beitrag entrichten. Das Problem ist nicht lösbar, wenn Steuern nicht erhöht werden. Also muss eine „neue“ Idee fruchten: mehr arbeiten, damit die Wirtschaft wächst und die Steuereinnahmen steigen. Dieser Appell richtet sich paradoxerweise auch an junge Mütter, die aufgrund von Kindererziehung nur Teilzeit arbeiten können oder vielleicht auch wollen. Unter diesen Umständen ist eine Steigerung der Geburten nicht wahrscheinlich und das Dilemma nicht auflösbar. Die Politik kann sich nur in Maßnahmen und Rücknahmen der Maßnahmen wie beim Elterngeld verstricken.
Tainters These trifft zu, wenn die Eliten die Gesellschaft verändern oder den Machtapparat vergrößern wollen. Der aktive und passive Widerstand minimiert den Grenzertrag der Maßnahmen. Das Interesse an wenig attraktiver Lohnarbeit geht ebenso verloren wie der Drang nach Familiengründung. Der frustrierte Blick richtet sich gegen diejenigen Gruppen, die immun gegen verschlechternde Lebensumstände sind. Das sind nicht nur vermögende Konservative, sondern auch Zeitgenossen der gut vergüteten Akademiker-Gruppe.
Die Spaltung der Gesellschaft ist der Keim des Kollapses bzw. Niedergangs. Was bei Tainter wie eine Kostenfalle der Komplexität beschrieben wird, ist das Ergebnis politischen und gesellschaftlichen Widerstands gegen die „Goliaths“; oder die Ohnmacht, Umweltzerstörung und Klimaschaden kostenneutral zu gestalten.
Schon die Auseinandersetzung um Regulierung- und Deregulierung von Finanzströmen, Wettbewerb, Energiesektor und Datenschutz zeigt die gesellschaftliche Zerrissenheit. Es wird komplexer, aber die Abschaffung von Regulierungen führt ins planetarische Desaster. Wir sind auf dem Weg dahin.
Luke Kemp fokussiert sich auf die von Eliten-Staaten geführten Imperien. Die Komplexität ist bei Kemp mehr Bestandteil und Beschreibung der Verhältnisse. Im Gegensatz zum britischen Philosophen Thomas Hobbes analysiert Kemp, dass Gewalt und Massenkonflikte historisch gesehen nicht die Folge von Anarchie sind, sondern erst durch die Entstehung großer, hierarchischer Staaten („Goliaths“) entstanden. Diese Staaten wurden laut Kemp oft durch Gewalt und die Ausbeutung der Bevölkerung groß. War für Hobbes der Staat („Leviathan“)[45] notwendig, um den chaotischen Urzustand von Gesellschaften, nämlich den Krieg „aller gegen alle“ zu überwinden. Kemp identifiziert die hierarchischen Verhältnisse des „Leviathan“-Imperiums, das er als „Goliath“ bezeichnet, als das eigentliche Problem. Nur die Entmachtung der „Goliaths“ könne die Übernutzung, den Klimawandel und den apokalyptischen Krieg verhindern. Er sieht daher die Lösung in der Machtbeschränkung durch Demokratisierung, Bürgerbeteiligung und Besteuerung der Eliten bis zur Obergrenze von 10 Mio. US-Dollar.
Wir finden ähnliche Argumente und Ratschläge auch bei Gabriel Zucman‘s „Reichensteuer“, der aber erst ab 100 Mio. US-Dollar „zuschlagen“ würde.[46] Wahrscheinlich würde ein globales Voting über eine wirksamere Besteuerung der Milliardäre positiv ausfallen. Allein der Weg dahin bleibt versperrt, weil die „Goliaths“ darüber bestimmen, ob und wer abstimmen darf. Die Propaganda der „Goliaths“ deckt ein ganzes Spektrum ab, vom Trickle-Down bis zur Unmöglichkeit, Milliardäre sinnvoll zu besteuern. Trickle-Down meint, wenn es den Unternehmen gut geht, was niedrige oder keine Steuern voraussetzt, werden Arbeitsplätze geschaffen; und vom Ertrag würden auch die Arbeitnehmer und alle anderen profitieren. Damit wäre die Verteilungsdiskussion obsolet. Das andere Argument erkennt die Ungleichverteilung zwar an, aber eine Milliardärssteuer würde die Unternehmen in andere Länder vertreiben. Dieses „Totschlag-Argument“ wird gern von politisch Konservativen vorgebracht. Es ist aber weder fasch noch richtig. Mit der Wegzugbesteuerung in Deutschland verlören die Milliardäre relevantes Kapital, aber Holding- und Stiftungskonstruktionen sind der Versuch, die Besteuerung zu umgehen. Damit schließt sich der Kreis der Komplexität. Es müssten neue Regeln, Institutionen und Personal aufgewendet werden, um dem Problem beizukommen.
Das Römische Reich demonstrierte den schubweisen Verfall durch Kriege, überzogene Besteuerung und ignorantem Lebensstil („römische Dekadenz“) der herrschenden Elite. Auch diese Eliten wollten keine eigenen „Opfer“ zur Regeneration der Gesellschaft leisten und gerieten in den Kollaps. Sie waren „Goliaths“.
3 Blaupause für Imperien-Verfall: Weströmisches Reich
Die wesentlichen Kosten des Weströmischen Reiches waren die Armee und der öffentliche Dienst. Das Imperium finanzierte sich durch Eroberungen selbst. Mit den Plünderungen war es möglich, die Steuerverbindlichkeiten der Bürger im römischen Kernland drastisch zu reduzieren, während die Provinzen die Steuerlast zu tragen hatten.
Augustus, der erste Kaiser, beendete die Expansionspolitik aufgrund militärischer Rückschläge. Die Distanzen für die Versorgung der Heere wurde immer größer und diverse Widersachen verteidigten ihre Einflusssphären. Der Staat geriet in finanzielle Schieflage.
Steuerhöhungen und Ausbau der Verwaltung im Römischen Reich waren der Versuch, den Herrschaftsapparat der Eliten („Goliath“) zu sichern, denn die schwindende Liquidität verhinderte die Zahlung von notwendigen Söldnern zur Verteidigung der vielen Grenzen. Söldner wurden aus fremden Kulturen eingegliedert, weil das Imperium zu groß für die römischen Armeen wurde. Das vorhandene Silber reichte nicht mehr für den Sold aus, so dass die Münzen mit unedlen Metallen versetzt wurden und eine Inflation erzeugten. Es war ein verzweifelter Versuch, das römische Imperium aufrechtzuerhalten: Fremde Söldner, höhere Steuern gegen die eigene Landbevölkerung und Inflation waren ein komplexer Lösungsversuch, der nicht den gewünschten Effekt (Erträge) erzielte, weil die Probleme nicht gelöst wurden. Das Reich ging unter, aber nicht aufgrund von Komplexität.
Wenn die Landwirtschaft die Erträge (Ernte) nicht analog zum Wachstums Heere ausbauen kann, und der Weizen immer weitere Strecken zu den expandieren Grenzen zurücklegen muss, werden die Transportkosten die Erträge übersteigen. Die steigenden Kosten wurden durch Erhöhung der Bauern-Steuern, die 90 % der Staatseinnahmen des römischen Reiches ausmachten, gedeckt. Der Druck auf die Landbevölkerung wuchs so stark an, dass sich Unruhen entwickelten. Das Aufkommen der Pestilenz und diverse Dürren dezimierten die Bauern zusätzlich um ein Drittel, was wiederum Nahrungskrisen und Steuerausfälle auslöste.[47] Das Ende besiegelte schließlich die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers im Jahr 476 n. Chr., nachdem bereits die Reichsteilung 395 n. Chr. den reicheren Ostteil abtrennte. Ägypten als Kornkammer und wichtigste Provinz Roms ging bereits in diesem Verlustprozess 330 n. Chr. verloren.[48] Mit dem Verlust der Kornkammer Nordafrikas (heute: Tunesien und Algerien) durch die Eroberung der Vandalen 439 n. Chr. wurde das Ende des Weströmischen Reiches unaufhaltsam.[49]
Der Kollaps war ein Ergebnis komplexer Entwicklung, aber nicht komplexer Lösungsversuche. Seuchen, Klimawandel, wirtschaftliche Probleme, Druck der Völkerwanderung sowie der Verlust der Kontrolle über wichtige Provinzen brachten das Reich zum Stürzen.
Die Verengung durch negatives Wirtschaftswachstum, weniger produktive Basis (Arbeitskräfte), Inflation, Migration und Problemen der Haushaltsführung ist fast identisch mit den aktuellen globalen und nationalen Problemen. Eine weitere Parallele zur heutigen Zeit ist beachtenswert: Im Römischen Reich sank die Geburtenrate basierend auf bewussten Entscheidungen wie späte Heirat und Vermögenssicherung. Familiengründungen wurden dem luxuriösen Lebensstil untergeordnet, Erbteilungen vermieden. Kaiser Augustus erließ deshalb um die Zeitenwende (9 n. Chr.) mit der Lex Papia Poppaea Gesetze, um mit einer Art Kindergeld Ehen und Kinderreichtum zu erzwingen. Der Erfolg wollte sich auch damals nicht einstellen. Schon 403 v. Chr. wurden heiratsunwillige Junggesellen mit Geldstrafen belegt Die Bemühungen über Jahrhunderte hinweg deuten auf langanhaltendes Nachwuchsproblem hin. [50]
Die Geschichte des Römischen Reiches lehrt uns, dass Expansion von Territorien Kollapse extrem begünstigen und das Landwirtschaft auf ökologischem Gleichgewicht basiert. Hitze (Klimawandel) und Übernutzung führen ins Destaster.
—– Ende Teil 1 —-
[1] Hagedorn/Hartmut 2020, S.26
[2] Tainter 1988, S. 22ff
[3] Kemp 2025, S.133ff
[4] Diamond 2005, S. 517ff
[5] Anthropozän ist ein Kofferwort aus dem Altgriechischem: Anthropos (Mensch) und „-zän“, was „neu“ bedeutet
[6] Saito 2024, S.207ff
[7] Stark 2020, o.S.
[8] Dalio 2025, S.178
[9] Der Name steht für die Zusammensetzung aus Soja (soy) und Linsen (lentil)
[10] VDI 2022, o.S.
[11] Der Untergang der Maya-Kultur wird von Tainter, Diamond und Kemp als Muster für Kollaps herangezogen.
[12] Grube 2017, o.S.
[13] Malthus 1978, S. 6-12
[14] Franke 2026, o.S.
[15] Marx 1867, S. 528
[16] Huber 2024, o.S.
[17] Bofinger/Scheuermeyer, S. 103ff
[18] Kemp 2025, S. 28
[19] Saito 2025, S. 22ff
[20] IHK 2026, o.S.
[21] Statista 2026, o.S.
[22] NDR 2026, o.S.
[24] Senec 2020, o.S.
[25] Peter Sauer 2026, o.S.
[26] Vom mechanischen Webstuhl, Dampfmaschine, Eisenbahn, elektrischer Energie, Petrochemie, IT bis zur KI
[27] Joseph Schumpeter 1942, S. 141
[28] Eiler/Galle 2025, o.S.
[29] Kemp 2025, S. 17
[30] Meadows/Zahn/Peter (1972): o.S.
[31] Sciencedirect 2026, o.S.
[32] Meinsolarstrom 2026, o.S.
[33] Eemag 2024, o.S.
[34] Tainter 2027, S. 27
[35] Algorithmwatch 2025, o.S.
[36] Benannt nach dem britischen Ökonomen Cecil Pigou. Diese Lenkungssteuer, etwa auf Benzin und Alkohol, soll die Nachfrage durch höhere Angebotspreise senken.
[37] BMUKN 2025, o.S.
[38] JLL 2026, o.S.
[39] Wilkinson 1996, S. 61ff
[40] Herrmann 2022; S. 203ff:
[41] N-TV 2025, o.S.
[42] N-TV 2024, o.S.
[43] Deutsches Ärzteblatt 2026, o.S.
[44] Paul Krugman 1991, S. 3ff
[45] Hobbes 1651, S110 f
[46] Zucman 2026, 43f
[47] Tainter 1988, S. 132f
[48] Traub 2012, o.S.
[49] Cordes 2022, o.S.
[50] Divine 1985, S. 313ff
Quellen:
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Zucman, Gabriel 2026: Reichensteuer. Edition Suhrkamp. Berlin 2026