Zionismus – Rassismus – Antisemitismus

Zionismus – Rassismus – Antisemitismus

9. Oktober 2026 0 Von Uli Gierse

Drei Begriffe, die sich ineinander verhakt haben – und warum man sie trotzdem auseinanderhalten muss.

Am 7. Oktober 2026 erzählten jüdische Studenten auf einer Kundgebung vor dem Audimax der Universität Hamburg, dass Graffiti mit der Botschaft „Zios jagen!“ derzeit in vielen Toiletten stehen und kaum beseitigt werden. Am 4. Oktober 2026 haben die britischen Grünen auf ihrem Parteitag in Brighton mit 1.022 zu 813 Stimmen beschlossen, Zionismus sei „wie jede andere Form von Rassismus“ zu behandeln. Die deutschen und europäischen Grünen gingen auf Abstand, und selbst die Mehrheit der grünen Unterhausabgeordneten hatte sich dagegen ausgesprochen. Der Beschluss ist ein Symptom: Seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg in Gaza werden drei Begriffe – Zionismus, Rassismus, Antisemitismus – so dicht aneinandergeschoben, dass kaum noch jemand sagen kann, wo der eine endet und der andere beginnt.

Für die einen ist Zionismus die Ideologie eines Staates, der Palästinenser vertreibt, besetzt und tötet; wer ihn „rassistisch“ nennt, beschreibt für sie nur die Wirklichkeit. Für die anderen ist der Antizionismus die jüngste Gestalt eines sehr alten Hasses, der sich ein respektables linkes politisches Gewand übergeworfen hat. Beide Lager haben Belege. Und beide machen es sich zu leicht, wenn sie die Unterscheidungen einebnen, auf die es ankommt.

Dieser Text versucht, die Begriffe wieder zu trennen – gestützt auf drei Gastbeiträge und ein Interview in der Süddeutschen Zeitung: von dem Soziologen Natan Sznaider, der Soziologin Eva Illouz und dem Historiker Michael Brenner. Sie sind sich keineswegs in allem einig. Gerade deshalb lohnt es sich, sie nebeneinanderzulegen.

Eine Antwort auf den Antisemitismus

Der Zionismus entstand nicht als Eroberungsplan, sondern als Reaktion auf eine Bedrohung. Als Theodor Herzl 1896 „Der Judenstaat“ veröffentlichte, tobten im Zarenreich die Pogrome, in Frankreich begleiteten „Tod den Juden“-Rufe die Dreyfus-Affäre, und Wien wählte mit Karl Lueger einen erklärten Judenfeind zum Bürgermeister. Herzl, erfolgreicher Feuilletonist der Neuen Freien Presse, zog daraus einen bitteren Schluss: „Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen … Man lässt es nicht zu.“

Entscheidend war für ihn die Erfahrung, dass die Taufe nicht mehr half. Er hatte einmal erwogen, die Wiener Juden könnten sich geschlossen im Stephansdom taufen lassen; nun sah er, dass für die Rassenantisemiten ein getaufter Jude ein Jude blieb. Ganz neu war das nicht: Schon 1449 schloss Toledo getaufte Juden und ihre Nachkommen von öffentlichen Ämtern aus. Neu war die wissenschaftliche Begründung. Wenn Assimilation nicht schützte, blieb nur Souveränität: ein Ort, an dem Juden nicht Minderheit sind.

Diese Idee war unter Juden selbst heftig umstritten. Deutsche Juden verhinderten, dass der erste Zionistenkongress 1897 in München stattfand; er wich nach Basel aus. Ihr Einwand: Wir sind deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der sozialistische Bund in Osteuropa setzte auf kulturelle Autonomie vor Ort statt auf Auswanderung, die Orthodoxie lehnte eine menschengemachte Rückkehr nach Zion lange ab. Kritiker sahen schon damals die Gefahr, dass der Zionismus die Prämisse der Antisemiten übernehme – dass Juden eben doch nicht dazugehören.

Was diese Debatte entschied, war nicht ein Argument, sondern die Geschichte. In Polen wurde der Zionismus zur größten politischen Bewegung der jüdischen Gemeinden. Und als während des NS-Terrors fast alle Länder ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge schlossen, entstand ein Grundkonsens, dass es einen jüdischen Staat brauche. Michael Brenner fasst den Kern so: Zionismus sei „nichts anderes als die Anerkennung der Tatsache, dass das jüdische Volk ebenso wie jedes andere Volk, einschließlich des palästinensischen, das Recht auf einen Staat hat“.

Dazu gehört eine unbequeme Wahrheit: Herzl war ein Europäer seiner Zeit. Im „Judenstaat“ schrieb er über Palästina: „Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden“. Derselbe Herzl entwarf in seinem Roman „Altneuland“ (1902) eine Gesellschaft, in der der muslimische Araber Reschid Bey gleichberechtigt lebt – und der einzige, der keinen Platz bekommt, ist ein orthodoxer Rabbiner, der Nichtjuden gleiche Rechte verweigern will. „Der Fremde soll sich bei uns wohlfühlen“, lässt Herzl seinen sterbenden Präsidenten sagen. Kolonialer Zeitgeist und universalistischer Anspruch stehen bei ihm nebeneinander.

„Zionismus ist Rassismus“ – eine alte Formel

Die Gleichung der britischen Grünen ist nicht neu. Am 10. November 1975 erklärte die UN-Generalversammlung in Resolution 3379, Zionismus sei „eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung“. Vorangetrieben wurde sie von arabischen Staaten, die eigene Minderheiten oft ausgrenzten, und von der Sowjetunion, die ihre jüdischen Bürger diskriminierte und ihnen die Ausreise verweigerte. 1991 hob die Generalversammlung die Resolution mit großer Mehrheit wieder auf – einer der ganz wenigen Fälle, in denen sie einen eigenen Beschluss widerrief.

Wer die Formel heute verwendet, stützt sich vor allem auf drei Argumente. Erstens auf die Gründungsgeschichte: Im Krieg 1947–49 flohen oder wurden rund 700.000 Palästinenser vertrieben, für sie die Nakba, die „Katastrophe“; eine Rückkehr wurde ihnen verwehrt. Zweitens auf die rechtliche Asymmetrie: Das Rückkehrgesetz gibt jedem Juden weltweit Anspruch auf Einwanderung, während Nachfahren der Geflüchteten ausgeschlossen bleiben. Drittens auf die Gegenwart: die seit 1967 andauernde Besatzung, den Siedlungsbau und das Nationalstaatsgesetz von 2018, das das Recht auf nationale Selbstbestimmung allein dem jüdischen Volk zuschreibt. Der palästinensisch-amerikanische Literaturwissenschaftler Edward Said hat diese Perspektive 1979 in die Formel gefasst, man müsse den Zionismus „vom Standpunkt seiner Opfer“ betrachten.

Diese Erfahrung ist real, und wer über Zionismus spricht, muss sie mitdenken. Trotzdem trägt die Gleichung nicht – aus mindestens vier Gründen.

  1. Sie verwechselt Idee und Regierungspolitik. Brenner vergleicht das mit jemandem, der auf Stalin zeigt und sagt: Das und nichts anderes ist Sozialismus. Man kann die Verbrechen einer Politik benennen, ohne die Existenzberechtigung des Gemeinwesens zu bestreiten.
  2. Sie misst mit zweierlei Maß. Flucht und Vertreibung stehen am Anfang vieler moderner Staaten – Indien und Pakistan, Griechenland und die Türkei, Polen und Deutschland, die Neuordnung Mitteleuropas nach 1945. Keiner dieser Nationalismen wird deshalb insgesamt zum „Rassismus“ erklärt.
  3. Sie passt schlecht auf die Wirklichkeit. Rund ein Fünftel der israelischen Staatsbürger sind Araber; sie wählen, sitzen in der Knesset und am Obersten Gericht – bei realer Benachteiligung. Und das Bild vom „weißen Siedlerstaat“ übergeht, dass etwa die Hälfte der jüdischen Israelis aus Familien stammt, die aus arabischen Ländern und Iran vertrieben wurden oder flohen.
  4. Sie zielt aufs Ganze. Wer Zionismus pauschal Rassismus nennt, kritisiert nicht eine Regierung, sondern erklärt das gesamte Projekt eines jüdischen Staates für illegitim. Brenner formuliert es trocken: Man müsse „kein großer Schelm sein“, um zu sehen, dass hier berechtigte Kritik an der Regierung auf das historische Projekt umgelenkt wird.

Bezeichnend ist ein Detail: Das Ziel, das die britischen Grünen formulieren – ein binationaler Staat mit gleichen Rechten für Juden und Araber –, lag nicht weit von dem, was der rechte Zionist Jabotinsky 1940 skizzierte. Brenner hält es heute für unrealistisch; er fürchtet, ein solcher Staat würde „eher wie Jugoslawien enden“.

Antizionismus und Antisemitismus: verschieden, aber verwandt

Die schwierigere Frage lautet umgekehrt: Ist Antizionismus eine Form von Antisemitismus? Die progressive Linke – Judith Butler, Pankaj Mishra, Masha Gessen – trennt scharf: Antizionismus sei eine politische Position, Antisemitismus irrationaler Hass. Dafür gibt es gute Gründe. Man muss israelische Politik verurteilen können, ohne unter Generalverdacht zu geraten. Und Regierungen, allen voran die Netanjahus, haben den Antisemitismusvorwurf nachweislich benutzt, um Kritik an Besatzung und Kriegsführung abzuwehren. Auch Eva Illouz bestreitet das nicht.

Ihr Einwand setzt tiefer an. Rassistische Bilder, so Illouz, verschwinden nicht, wenn man sie ächtet – sie wandern. Nach dem Ende der Rassentrennung in den USA wurden Schwarze mit Kriminalität assoziiert; der Hass suchte sich eine neue, sagbare Form. Genau das beobachtet sie beim Antizionismus: Die beiden Kernmotive des klassischen Antisemitismus – zerstörerische Macht und böswillige Ränkespiele – tauchen heute als Eigenschaften „des Zionismus“ wieder auf. Wo früher von Gottesmord und Ritualmord die Rede war, ist es heute ein Staat, der als Inbegriff des Bösen gilt. Darin liegt auch der Unterschied zum Rassismus, mit dem Illouz vergleicht: Der Rassismus erklärt den Anderen für minderwertig, der Antisemitismus schreibt ihm außerdem eine heimliche Übermacht zu.

Illouz nennt drei Asymmetrien, die sie für verräterisch hält:

  • Deutungshoheit. Bei jeder anderen Minderheit akzeptiert die Linke, dass die Betroffenen definieren, was sie verletzt. Nur Juden wird dieses Recht abgesprochen, wenn sie Antizionismus als Angriff erleben.
  • Instrumentalisierungsverdacht. Nur Juden wird routinemäßig unterstellt, ihre Opfergeschichte politisch auszubeuten. Gegenüber Nachfahren der Sklaverei wäre ein solcher Vorwurf undenkbar.
  • Einzigartigkeit. Keine andere Nationalbewegung wird 120 Jahre nach ihrer Entstehung grundsätzlich angefochten, kein anderer Staat ist in seiner Existenz Gegenstand höflicher Tischgespräche. In der Programmliste des New Yorker „Dyke March“ 2025 taucht unter allen Übeln der Welt nur eines namentlich auf: der Zionismus.

Ihre Schlussfolgerung ist vorsichtiger, als Kritiker oft behaupten: Antizionismus und Antisemitismus seien „vielleicht nicht identisch“, aber sie wiesen „definitiv eine Familienähnlichkeit“ auf. Neu ist dieser Gedanke nicht. Der Auschwitz-Überlebende Jean Améry warnte schon 1969 in seinem Essay „Der ehrbare Antisemitismus“, der Antisemitismus sei im Antizionismus enthalten „wie das Gewitter in der Wolke“.

Die praktische Frage ist, wo die Grenze verläuft. Zwei Definitionen konkurrieren. Die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von 2016, die auch die Bundesregierung übernommen hat, nennt als Beispiele unter anderem, Juden das Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen oder an Israel Maßstäbe anzulegen, die für keinen anderen Staat gelten. Die „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ von 2021, unterzeichnet von Hunderten Wissenschaftlern, hält dagegen auch grundsätzlichen Antizionismus und Boykottaufrufe nicht per se für antisemitisch. Verbreitet ist als Faustregel der sogenannte 3D-Test: Antisemitisch wird Israelkritik, wo sie dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Standards misst.

Was beide Seiten einräumen müssten: Nicht jeder Antizionist ist Antisemit – unter ihnen sind auch Juden, wobei Illouz zu Recht festhält, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe niemanden gegen deren Ressentiments immunisiert. Und nicht jeder Antisemitismusvorwurf ist berechtigt. Aber wenn Masha Gessen den Mord an zwei israelischen Botschaftsmitarbeitern in Washington im Mai 2025 nicht als antisemitisch, sondern als „untrennbar“ mit Gaza verbunden deutet, dann zeigt sich, wovor Illouz warnt: die Verwandlung von Hass in eine respektable politische Meinung.

Wo der Rassismusvorwurf trifft: Verrat am Zionismus im Namen des Zionismus

Wer die pauschale Gleichung zurückweist, muss umso genauer sagen, wo Kritik berechtigt ist. Michael Brenner tut das mit bemerkenswerter Schärfe. In der aktuellen israelischen Regierung, sagt er, gebärdeten sich „einige Vertreter sehr klar rassistisch“. Und diese Regierung habe sich von den Prinzipien verabschiedet, „die einst den Zionismus aller politischen Strömungen geeint haben“: einem im Kern säkularen Staat, einer unabhängigen Justiz, gleichen Rechten für alle Bürger.

Der Maßstab dafür steht in Israels eigener Gründungsurkunde. Die Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 verspricht „allen seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung“. Schon David Ben-Gurion wurde diesem Anspruch nicht immer gerecht: Die meisten arabischen Bürger lebten bis 1966 unter Militärverwaltung. Doch als alter Mann im Kibbuz Sde Boker forderte er, die 1967 eroberten Gebiete zurückzugeben, wenn Israel demokratisch und jüdisch bleiben wolle. Der orthodoxe Philosoph Yeshayahu Leibowitz brachte es auf den Punkt: „Wir haben den Sechs-Tage-Krieg am siebten Tag verloren.“

Selbst Vladimir Zeev Jabotinsky, Vordenker der Rechten und Ahnherr von Netanjahus Likud, entwarf 1940 eine Verfassung mit gleichen individuellen und kollektiven Rechten für Araber, Hebräisch und Arabisch als gleichberechtigten Sprachen und der Regel: Ist der Ministerpräsident Jude, soll sein Stellvertreter Araber sein – und umgekehrt. Gemessen daran markieren drei Entwicklungen einen Bruch:

  • Das Nationalstaatsgesetz von 2018, das nationale Selbstbestimmung allein dem jüdischen Volk zuspricht und Arabisch von einer Amts- zu einer Sprache mit „Sonderstatus“ herabstufte.
  • Der Angriff auf die Justiz seit 2023, der die Gewaltenteilung aufweichen soll und Hunderttausende auf die Straße trieb.
  • Die schleichende Religionisierung, getragen auch von der Demografie: Säkulare Familien haben im Schnitt zwei Kinder, nationalreligiöse vier, ultraorthodoxe sieben. Für die religiösen Koalitionspartner, so Brenner, ist der säkulare Netanjahu nur ein nützliches Werkzeug auf dem Weg zu einer Theokratie, einem religiösen Staat im ganzen biblischen Land.

Hinzu kommt der Krieg in Gaza. Weder die drei Autoren noch die Redner auf der Kundgebung an der Hamburger Uni beschönigen ihn. Sznaider spricht von einer „mehr als brutalen“ Vorgehensweise, Illouz von der „Unmenschlichkeit des Krieges“ und der „Unmoral der Besatzung“, die sie als Zionistin „aufs Schärfste“ verurteilt. Genau hier liegt die Pointe: Diese Kritik kommt nicht von außen, sondern aus dem Zionismus selbst. Die Demonstrierenden in Tel Aviv, schreibt Brenner, rufen der Welt zu, nicht der Zionismus sei zu verurteilen, „sondern der Verrat dieser Regierung am Zionismus im Namen des Zionismus“.

Sicherheit als Staatsräson – und ihre Widersprüche

Warum halten so viele Israelis am Zionismus fest, auch wenn sie ihre Regierung verachten? Natan Sznaider gibt darauf eine Antwort, die von außen oft schwer zu verstehen ist. Die jüdische Katastrophe, schreibt er, habe aus dem jüdischen Volk eine „Rechtseinheit“ gemacht, deren oberstes Gebot der Schutz jüdischen Lebens sei. Aus dieser Geschichte könnten Juden nicht ausbrechen.

Sznaider erinnert an ein symbolträchtiges Datum: Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und der Staat Israel stammen beide aus dem Jahr 1948. Beide sind Antworten auf das Versagen des Völkerrechts im Zweiten Weltkrieg – aber entgegengesetzte. Das Menschenrechtsregime will Souveränität begrenzen. Der jüdische Staat zog den umgekehrten Schluss: Wer sich auf den Schutz anderer nicht verlassen kann, braucht eigene Macht und die Fähigkeit, sich zu wehren. Die Überlebenden der Shoah überlebten nicht durch Konventionen, sondern durch den Krieg der Alliierten.

Daraus folgt für ihn eine Haltung, die er mit Max Weber als Verantwortungsethik beschreibt. Man könne als Israeli gegen die Kriegsführung in Gaza sein, für die Freilassung der Geiseln und einen Waffenstillstand – und zugleich den Schlag gegen Irans Atomprogramm im Juni 2025 befürworten. „Kann man gleichzeitig für Krieg als auch gegen Krieg sein? Ja, das geht.“ Israelis seien gezwungen, politisch zu denken; Intellektuelle außerhalb Israels müssten das nicht – und könnten deshalb wichtige moralische Einwände formulieren.

Sznaider verschweigt den Preis nicht. Die dauerhafte Selbstverteidigung führe zur „Militarisierung und Brutalisierung großer Teile der israelischen Gesellschaft“, und es sei fraglich, ob irgendein militärischer Sieg die Aushöhlung der Demokratie stoppe. Hier berühren sich seine und Brenners Diagnose: Die Sicherheitslogik, aus der der Zionismus entstand, kann den Zionismus von innen beschädigen, wenn sie zur einzigen Logik wird. Und die Palästinenser, so Brenner, verstanden von Anfang an nicht, warum ausgerechnet sie den Preis für die Verbrechen der Europäer zahlen sollten. Auch diese Frage gehört zur Geschichte des Zionismus – sie ist bis heute unbeantwortet.

Für Deutschland leitet Sznaider daraus eine eigene Aufgabe ab. Israel mache nicht die „Drecksarbeit für uns alle“, wie Bundeskanzler Merz formulierte. Die angemessene „Drecksarbeit“ der Europäer sei eine andere: aufräumen, Wege in eine bessere Zukunft suchen – mit Wisława Szymborska gesprochen, die Trümmer an den Straßenrand kehren, „damit die Leichenkarren sie passieren können“.

Unterscheidungen, die man aushalten muss

Die drei Begriffe lassen sich nicht sauber trennen – aber sie lassen sich auch nicht gleichsetzen. Wer redlich über sie sprechen will, muss mehrere Dinge gleichzeitig festhalten:

  1. Zionismus ist nicht Rassismus. Er ist die Antwort einer verfolgten Minderheit auf den Antisemitismus und der Anspruch eines Volkes auf Selbstbestimmung – denselben Anspruch, den Palästinenser zu Recht erheben.
  2. Zionisten können rassistisch handeln. Teile der israelischen Regierung tun es offen. Der Vorwurf trifft dann diese Politik, nicht die Existenz des Staates.
  3. Kritik an Israel ist nicht Antisemitismus. Sie ist notwendig, und sie kommt längst auch aus Israel selbst.
  4. Antizionismus kann Antisemitismus transportieren – dort, wo er Israel dämonisiert, ihm allein das Existenzrecht abspricht, jeden Gegenbeleg in einen Beweis verwandelt, alle Juden für seine Politik haftbar macht oder Gewalt gegen Juden zur politischen Meinung verklärt.

Der Beschluss der britischen Grünen scheitert an genau diesen Unterscheidungen. Er macht aus berechtigter Kritik an einer Regierung ein Urteil über ein ganzes Volk und seine Geschichte – und erweist damit auch den Palästinensern einen schlechten Dienst. Denn, wie Eva Illouz schreibt: Solange die Sprache von Antisemitismus kontaminiert ist und Kritik mit einer grundsätzlichen Ablehnung Israels verwechselt wird, entfernen wir uns von dem, was dringend ist – den Krieg zu beenden, Gaza wieder aufzubauen, den Palästinensern eine menschenwürdige Zukunft zu geben und einen dauerhaften Frieden zu schaffen.

Herzl ließ seinen Romanhelden sagen: „Zion ist nur dann Zion“, wenn es an Freisinn, Duldung und Menschenliebe festhält. Das ist kein schlechter Maßstab – für Israels Regierung ebenso wie für seine Kritiker.

Quellen

  • Natan Sznaider: „Israels Staatsräson ist seine Sicherheit“, Süddeutsche Zeitung, 26. Juni 2025
  • Eva Illouz: „Ist Antizionismus eine Form von Antisemitismus?“, Süddeutsche Zeitung, 2. Juli 2025
  • Michael Brenner: „Wie Israels Regierung den Zionismus zerstört“, Süddeutsche Zeitung, 31. August 2025
  • Ronen Steinke: „Ist Zionismus Rassismus?“, Interview mit Michael Brenner, Süddeutsche Zeitung, 7. Oktober 2026
  • Ergänzend: UN-Resolution 3379 (1975) und 46/86 (1991); Jean Améry, „Der ehrbare Antisemitismus“ (1969); Edward Said, „Zionism from the Standpoint of Its Victims“ (1979); IHRA-Arbeitsdefinition (2016); Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (2021); Theodor Herzl, „Der Judenstaat“ (1896); Green Party of England and Wales, „Green Party adopts anti-Zionist policy“, 4. Oktober 2026